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/ 20.06.2013
Helmut Wiesenthal

Gesellschaftssteuerung und gesellschaftliche Selbstbesteuerung. Eine Einführung

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006 (Hagener Studientexte zur Soziologie); 265 S.; brosch., 23,90 €; ISBN 978-3-531-14952-3
Der Begriff der Gesellschaftssteuerung ist politisch belastet und wissenschaftlich durchaus umstritten. In politischer Hinsicht scheint die Idee einer umfassenden Steuerung von Gesellschaft mittlerweile eher diskreditiert zu sein, löst sie doch Assoziationen aus, die teils an den Kontrollzwang totalitärer Regime erinnern, teils auf die letztlich illusionär gebliebenen Planungseuphorien der 70er-Jahre verweisen. Im sozialwissenschaftlichen Kontext ist der Begriff strittig, weil das Konzept mit der Unterscheidung von Steuerungssubjekt und -objekt in eine handlungstheoretische Begrifflichkeit eingebunden ist, deren Realitätsbezug nicht nur von Vertretern der Systemtheorie vehement bestritten wird. Vor diesem Hintergrund bildet das Thema Gesellschaftssteuerung keinen einfachen Gegenstand für eine einführende Abhandlung. Helmut Wiesenthal, Emeritus der Humboldt Universität Berlin, löst die selbst gestellte Aufgabe, einen theoretisch reflektierten und empirisch informierten Einblick in die Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbststeuerung zu geben, ebenso so souverän wie kenntnisreich. Er grenzt sein Thema auf Formen reflexiver Steuerung ein, wobei reflexiv besagt, dass Gesellschaft bzw. soziale Teilsysteme zugleich als Subjekt wie als Objekt von Steuerung fungieren. Aus pragmatischen und sachlichen Gründen bleibt die stark spezialisierte Governancediskussion ausgeklammert. Zunächst diskutiert der Autor unter primär theoretischen Aspekten die neuere Steuerungsdebatte auf makro- wie auf mikrosoziologischer Ebene. Eher empirisch ausgerichtet ist die anschließende Auseinandersetzung mit Steuerungsproblemen einerseits, exemplarischen Reformprojekten andererseits. Angesichts des gerade in den Sozialwissenschaften verbreiteten Steuerungspessimismus fällt das Resümee des Autors angenehm nüchtern aus: Es gebe zwar keine generelle (und zugleich praxisrelevante) Steuerungstheorie, aber wir verfügten über hinreichendes, empirisch gestütztes Wissen, dass anspruchsvolle Ansätze von Gesellschaftssteuerung unter spezifischen Bedingungen möglich seien – freilich ohne Garantie auf Erfolg.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.25.422.612.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Helmut Wiesenthal: Gesellschaftssteuerung und gesellschaftliche Selbstbesteuerung. Wiesbaden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26025-gesellschaftssteuerung-und-gesellschaftliche-selbstbesteuerung_30270, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30270 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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