/ 22.06.2013
Alexander Stulpe
Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität
Berlin: Duncker & Humblot 2010 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 158); 980 S.; 128,- €; ISBN 978-3-428-12885-3Politikwiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: G. Göhler, A. Neusüss. – Einsetzend mit der Stirner-Renaissance der 1890er-Jahre rollt Stulpe die Rezeptionsgeschichte des „Einzigen“ auf. Dabei geht es ihm nicht um die Suche nach der richtigen Auslegung des bereits 1844 veröffentlichten Werkes „Der Einzige und sein Eigentum“, sondern um eine wissenssoziologische Deutung der unterschiedlichen Interpretationen der Schriften des Philosophen Max Stirner. In Anlehnung an Niklas Luhmanns Theorie untersucht Stulpe, „was sich die moderne Gesellschaft aus dem Einzigen gemacht hat“ (18), und analysiert damit eine Lieblingsfigur des Zeitgeistes der Jahrhundertwende. Stirner galt als Wegbereiter von Emanzipation, Erneuerung, Exzess, als personifizierte Infragestellung der bürgerlichen Ordnung; über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus manchmal als vorausschauender Kritiker des Totalitarismus, oft als Quelle des Existentialismus und Prototyp eines 68ers. Erst in den vergangenen 30 Jahren ist Stirner in Vergessenheit geraten, was Stulpe als Beweis seiner Allgegenwart und Selbstverständlichkeit in der modernen Gesellschaft interpretiert, „nämlich in Form von Individualidentitätsangeboten, auf die kommunikativ zugegriffen wird“ (45). Das modernitätsdiagnostische Interesse, mit dem der Autor die Stirner-Rezeption verfolgt, zentriert sich um die drei großen Kränkungen des menschlichen Narzissmus (die Entdeckungen von Kopernikus, Darwin und Freud), denen Stulpe eine vierte, die Gesellschaftstheorie Luhmanns, beifügt. Jener Enttäuschungs- und Entzauberungsprozess zeigt sich exemplarisch an den Auslegungen des „Einzigen“, wofür Stulpe ausführlich konkrete Interpretationen (z. B. von Kropotkin, Krafft-Ebing, Steiner, Löwith, Max Adler oder Hans Heinz Holz) anführt und immer wieder auch die Berührungspunkte zwischen den Rezeptionsgeschichten Nietzsches und Stirners aufzeigt. In der Flut der Namen vermisst man deshalb ein Personenregister. Diese Auslassung ist aber schon die einzige, die man Stulpes Analyse, die in ihrer Kompaktheit und ihren weitgreifenden, die engen Fachgrenzen hinter sich lassenden Querverweisen wohl uneinholbar bleiben wird, vorwerfen kann.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32486-gesichter-des-einzigen_38765, veröffentlicht am 08.07.2010.
Buch-Nr.: 38765
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Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
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