/ 05.06.2013
Angelika Ebbinghaus / Karl Heinz Roth (Hrsg.)
Grenzgänge. Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts im Spiegel von Publizistik, Rechtsprechung und historischer Forschung. Heinrich Senfft zum 70. Geburtstag
Lüneburg: zu Klampen Verlag 1999; 475 S.; brosch., 48,- DM; ISBN 3-924245-77-0Senfft, Jurist, Vorstandsmitglied und Justitiar der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, schließlich auch Rechtshistoriker und Publizist hat durch sein Ideal, sich gegen "jegliche intellektuelle Reglementierung [zu] sperren" (10) - eben durch Grenzgänge zwischen der eigenen Profession und benachbarten Gebieten - die Richtung für die einzelnen Aufsätze vorgegeben. Die Autoren demonstrieren, wie juristische, historische oder publizistische Themen erkenntnisbringend gegen den allgemein akzeptierten, d. h. nicht hinterfragten "Strich" gebürstet werden können: So sucht zum Beispiel der Journalist und Herausgeber des Wochenmagazins "Der Spiegel" Augstein provokativ nach den juristischen Gründen, die die "Spiegel-Affäre kriminalisierten. Der Journalist Gaus, von Willy Brandt ins Bundeskanzleramt geholt, dann Staatssekretär und Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, zeichnet ein nicht sonderlich schmeichelhaftes Charakterbild seines früheren Vorgesetzten, des Bundeskanzlers Schmidt. Der Arzt Roth widmet sich der Zerstörung der Arbeiterbewegung in der NS-Diktatur durch den historiographisch bislang kaum thematisierten Nachrichtendienst der Deutschen Arbeitsfront und zeigt damit, wie differenziert die nationalsozialistische Unterdrückung funktionierte, differenzierter zumindest als die deutsche Nachkriegsgeschichtsschreibung es wahrhaben wollte. Und der Historiker und Journalist Ullrich beschreibt die Anpassungsfähigkeit der Hamburger SPD an das NS-Regime und stellt damit die Nachkriegslegende der liberalen und toleranten Hansestadt in Frage, in das nationalsozialistisches Gedankengut kaum eingedrungen sei.
Inhalt: I. Grenzgänge: Hermann Kant: Helfer in allen Lebenssachen (17-25); Günter Herburger: Um den Mont Blanc (26-50); Joachim Kersten: Niemand hat Glück mit Deutschland. 33 Bausteine zu einem Portrait von Friedrich Sieburg (51-93); Hermann Peter Piwitt: Aus einem Tagebuch - 1995-97 (94-107). II. Politische Publizistik und Justiz: Günter Gaus: Nicht aus den Akten. Einige Anmerkungen zu Helmut Schmidt und zur Deutschlandpolitik (111-126); Michael Jürgs: Gewalt, die vierte oder: Nur ein totgeschwiegener Nazi ist ein guter Nazi (127-146); Rudolf Augstein: "Nichts, im Wortsinn nichts zu tun". Wie es zur Spiegel-Affäre kam (146-165); Johann Schwenn: Die Bewältigung der DDR im Spiegel von Rechtsbeugung und Landesverrat (166-177). III. Historische Forschung: Angelika Ebbinghaus: Verteidigungsstrategien im Nürnberger Ärzteprozess (181-221); Marcel van der Linden: Wider den gesellschaftlichen Rückschritt. Die Bewegung für inhaltliche Demokratie (222-237); Richard J. Evans: Hans von Hentig and the politics of German criminology (238-264); Karl Heinz Roth: "Amt Information" - Der Geheimdienst der Deutschen Arbeitsfront und die Zerstörung der Arbeiterbewegung 1933-1938 (265-302); Volker Ullrich: Wohlverhalten um jeden Preis. Die "Machtergreifung" in Hamburg und die Politik der SPD (303-318); Tobias Mulot: Jugendliche Arbeitserziehung. Arbeitserzwingung und Erziehung im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit (319-354); Karsten Linne: "Ehre, Treue, Fürsorge" - NS-Gesetzentwürfe zum Arbeitsverhältnis (355-388). IV. Bericht eines Grenzgängers: Heinrich Senfft: Politische Publizistik und Justiz. Ein vorläufiger Bericht (391-404); Verzeichnis der Veröffentlichungen von Heinrich Senfft (405-412).
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.3 | 2.312 | 2.331 | 2.313 | 2.325 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Angelika Ebbinghaus / Karl Heinz Roth (Hrsg.): Grenzgänge. Lüneburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8270-grenzgaenge_10901, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10901
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Dr., Historiker.
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