/ 21.06.2013
David Miller
Grundsätze sozialer Gerechtigkeit. Aus dem Englischen von Ulrike Berger
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2008 (Theorie und Gesellschaft 58); 382 S.; geb., 34,90 €; ISBN 978-3-593-38152-7Bereits der Plural im Titel veranschaulicht, dass Miller einem egalitaristischen Universalismus, wie er vor allem im Anschluss an Rawls vertreten wird, skeptisch gegenübersteht. Gerechtigkeit ist für ihn nicht abstrakt monologisch deduzierbar, sondern muss stets komplex und pluralistisch sein. Diese Position erinnert an Walzers „Spheres of Justice“, auch wenn Miller seine Gerechtigkeitstheorie nicht über Güter, sondern aus den verschiedenen Modi menschlicher Beziehungen erarbeitet. Zudem kann er noch deutlicher das fundamentale Problem der zeitgenössischen akademischen Gerechtigkeitsdiskussion fokussieren: Statt sich in politikfernen Abstraktionen zu verlieren, plädiert er für eine Zusammenarbeit von politischer Philosophie und Sozialwissenschaft. Konkret dient die Analyse empirischer Untersuchungen, was der „common man“ unter Gerechtigkeit versteht, der Unterfütterung seiner eigenen intuitionistisch-pluralistischen Gerechtigkeitstheorie. Demnach unterscheiden Menschen drei distinkte soziale Bereiche, in denen jeweils andere Gerechtigkeitsgrundsätze maßgeblich sind: Während sich in einer solidarischen Gemeinschaft am Bedarf der Mitglieder orientiert wird und innerhalb eines Zweckverbandes je nach Verdienst Güter verteilt werden (diesem strittigen Punkt widmet sich der Autor ausgiebig), gilt allein auf dem Gebiet der Staatsbürgerschaft das Prinzip der Gleichheit. Gerechtigkeitsdilemmata entstehen für den politischen Theoretiker aus Oxford aus Überschneidungen der einzelnen Grundformen, etwa bei der Frage, ob Bildung zur Staatsbürgerschaft gehört und damit möglichst gleich verteilt sein sollte oder ob es auf der Grundlage des Verdienstgrundsatzes verteilt werden darf. Die von Miller ausgearbeiteten Grundsätze stimmen dabei nicht nur mit den im Buch dargelegten empirischen Untersuchungen überein, sondern werden von ihm auch als normative Bestimmungen angesehen. Hier ließe sich – wie Honneth es in seinem sehr instruktiven Vorwort unternimmt – nach der normativen Begründung der drei Sphären sowie dem exakten Verhältnis von sozialer Praxis und moralischer Norm fragen.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: David Miller: Grundsätze sozialer Gerechtigkeit. Frankfurt a. M./New York: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26778-grundsaetze-sozialer-gerechtigkeit_31238, veröffentlicht am 23.07.2008.
Buch-Nr.: 31238
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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