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/ 11.06.2013
Gary Smith (Hrsg.)

Hannah Arendt Revisited: "Eichmann in Jerusalem" und die Folgen

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (edition suhrkamp 2135); 312 S.; 12,22 €; ISBN 3-518-12135-9
Die Beiträge dieses Sammelbandes gehen auf eine Tagung zurück, der der Titel "Zur Historiographie des Holocaust" vorangestellt war. Hintergrund der von verschiedenen Stiftungen unterstützen Tagung war die Goldhagen-Debatte, die für Smith durchaus Parallelen zur Diskussion um Hannah Arendts Buch über den Gerichtsprozess Adolf Eichmanns im Jahre 1963 aufweist. Damals sei es - wie im Falle von Goldhagen - auch darum gegangen, "ob wir unsere Kenntnis des Geschichtsdramas dem Polemiker oder dem Historiker verdanken" (7). Die teils herbe Kritik an Arendts Werk und die überwiegend ablehnende, ja verletzte Aufnahme ihrer Thesen insbesondere in Israel werden im Buch durchaus kontrovers rekonstruiert. Auch Smith sieht die Beschränkungen ihres Ansatzes: "Arendt verweigerte sich der Einsicht in die kranke, sadistische Natur dieses Täters und schritt mit dem ganzen Stolz ihrer Intelligenz über die historische Erfahrung und die aktuellen Empfindungen ihrer Zeitgenossen hinweg." (8) Gleichwohl habe sie mit ihrer Formel von der "Banalität des Bösen" eine zwar diskussionswürdige, aber durchaus dem näheren Verständnis des nationalsozialistischen Völkermordes zuträgliche Kategorie geliefert. Einige der Missverständnisse, aber auch berechtigten (insbesondere von Fachhistorikern vorgetragenen) Kritikpunkte an ihrem Werk werden durch die Einordnungen ihres Eichmann-Berichtes in den weiteren Kontext ihres Lebens und Schaffens durch die internationalen Experten erklärt. Damit wird in der Summe Arendts Denken von ihrem Eichmann-Buch her entfaltet und der Band zu einem interessanten Einstieg in ihr Werk erweitert. Inhalt: Gary Smith: Einsicht aus falscher Distanz (7-13). I. Anatomie einer Kontroverse: Rezeptionen des Eichmann-Buches: Amos Elon: Hannah Arendts Exkommunizierung (17-32); Anson G. Rabinbach: Hannah Arendt und die New Yorker Intellektuellen (33-56); Anthony Grafton: Arendt und Eichmann am Eßtisch (57-77); Stéphane Mosès: Das Recht zu urteilen: Hannah Arendt, Gershom Scholem und der Eichmann-Prozeß (78-92). II. Geschichtsschreibung und der Eichmann-Prozeß: Seyla Benhabib: Identität, Perspektive und Erzählung in "Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem" (95-119); Dan Diner: Hannah Arendt Reconsidered: Über das Banale und das Böse in ihrer Holocaust-Erzählung (120-135); Annette Wieviorka: Die Entstehung des Zeugen (136-159). III. Verstrickung und Verantwortung: Norbert Frei: Von deutscher Erfindungskraft oder: Die Kollektivschuldthese in der Nachkriegszeit (163-176); Gabriel Motzkin: Hannah Arendt: Von ethnischer Minderheit zu universeller Humanität (177-201); Avishai Margalit / Gabriel Motzkin: Anstifter und Vollstrecker: Hannah Arendts Authentizitätsbegriff als Kriterium zur Beurteilung Adolf Eichmanns (202-227). IV. Moderne, Holocaust und die Paradigmen der Geschichtsschreibung: Dana R. Villa: Das Gewissen, die Banalität des Bösen und der Gedanke eines repräsentativen Täters (231-263); Moishe Postone: Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem": Die unaufgelöste Antinomie von Universalität und Besonderem (264-290); Richard J. Bernstein: Verantwortlichkeit, Urteilen und das Böse (291-309).
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3125.462.35 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Gary Smith (Hrsg.): Hannah Arendt Revisited: "Eichmann in Jerusalem" und die Folgen Frankfurt a. M.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10933-hannah-arendt-revisited-eichmann-in-jerusalem-und-die-folgen_12927, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12927 Rezension drucken
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