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/ 22.06.2013
Alain Badiou / Barbara Cassin

Heidegger. Der Nationalsozialismus, die Frauen, die Philosophie. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Zürich: diaphanes 2011; 60 S.; 8,- €; ISBN 978-3-03734-164-3
Die französischen Philosophen Alain Badiou und Barbara Cassin, die nach eigener Aussage selbst in ihrem Denken stark von Heidegger beeinflusst sind, fragen vor dem Hintergrund von dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus nach dem Zusammenhang von philosophischem Werk und politischer Überzeugung. Sie vertreten dabei die – keineswegs neue – Position, dass man die Paradoxie akzeptieren müsse, dass Heidegger ein gewöhnlicher, kleinbürgerlicher Nazi aus der Provinz war und zugleich zweifellos einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sie versuchen diese These dann aber auch breiter in Heideggers Biografie einzubinden, was die in diesem Zusammenhang überraschende Thematisierung seiner Beziehung zu Frauen motiviert. Der Hintergrund dieser Verknüpfung ist, dass die Autoren für die französische Übersetzung der Korrespondenz Heideggers mit seiner Frau ein Vorwort geschrieben haben, dessen Publikation dann aber von den Heidegger-Erben untersagt wurde. Die Thesen dieses Vorwortes legen sie nun in diesem schmalen Band vor. Das bestimmende Grundmotiv, das sie in vielen Aspekten im Leben Heideggers ausmachen, ist das „Kleine“, das als existenzielles Material dem „Großen“ die Form verleihe: im Denken die „bornierte Partikularität eines Provinzgelehrten“ und die „schöpferische Potenz von universalem Rang“ (34), beim Ort die „tiefe Provinz und planetarisches Geschick“ (35), bei den Frauen das „Vernaschen von Studentinnen und [die] Heiligkeit der Ehe“ (35). Beide Ebenen halten die Autoren für autonom, keine könne als die Wahrheit der anderen auftreten. Letzteres verbleibt aber – abgesehen von den einleitenden allgemein-abstrakten Überlegungen zum Verhältnis von aktiver Politik und theoretischer Philosophie – weitgehend im Status eines Postulats. Ob so über Schlaglichter auf die Persönlichkeit Heideggers hinaus etwas Substantielles zur Diskussion um sein politisches Engagement für den Nationalsozialismus zu gewinnen ist, erscheint fraglich.
Nikolai Münch (NM)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.462.312 Empfohlene Zitierweise: Nikolai Münch, Rezension zu: Alain Badiou / Barbara Cassin: Heidegger. Zürich: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35221-heidegger_42410, veröffentlicht am 28.06.2012. Buch-Nr.: 42410 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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