/ 21.06.2013
Markus Roth
Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte
Göttingen: Wallstein Verlag 2009 (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts 9); 556 S.; geb., 39,- €; ISBN 978-3-8353-0477-2Diss. Jena; Gutachter: N. Frei, W. Jacobmeyer. – Die Studie ist ein Beitrag zur gegenwärtig immer noch boomenden „Täterforschung“. Der Verfasser untersucht die Kreis- und Stadthauptleute, die als die wichtigsten lokalen Akteure der Zivilverwaltung im besetzten Polen anzusehen sind. Als Verwaltungsfachleute waren sie eine relativ homogene Gruppe, sowohl von der sozialen Herkunft, der Ausbildung, der ideologischen Ausrichtung (fast alle waren Parteimitglied) und der generationellen Herkunft her. Rund zwei Drittel entstammten jener „Kriegsjugendgeneration“, die seit Ulrich Herberts Best-Biografie besonders im Fokus der Forschung steht, und die in vielen Bereichen als die generationell wichtigste Stütze des NS-Regimes anzusehen ist. Der Verfasser legt dar, wie die Kreishauptleute zwar auf unterschiedlichen Wegen zum Einsatz in das „Generalgouvernement“ gelangten, dort aber schnell und ausnahmslos sich zu Vorreitern oder zumindest tatkräftigen Unterstützern einer rücksichtslosen Besatzungspolitik machten. Ihre Rolle bei der Rekrutierung und Deportation von Zwangsarbeitern und ihr konkreter, oft radikalisierender Beitrag zur Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der Juden werden detailliert herausgearbeitet. Breiten Raum nimmt auch die Nachgeschichte ein: Roth schildert die verschiedenen Strategien der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, die Entnazifizierung sowie die letztlich überwiegend erfolglosen Bemühungen um strafrechtliche Konsequenzen in Polen und der Bundesrepublik. Abschließend werden exemplarisch Nachkriegskarrieren untersucht: Die bemerkenswerteste Karriere machte sicher Hans-Adolf Asbach, der 1950 Landesminister für Arbeit, Soziales und Vertriebene in Schleswig-Holstein werden konnte und dies – trotz öffentlicher Thematisierung seiner NS-Vergangenheit – bis 1957 blieb. Roth ist eine beachtliche Studie zu einer Personengruppe gelungen, deren spezifischer Beitrag zu den NS-Verbrechen in Polen bislang weitgehend im Dunkeln lag. Der Band ist mit Registern, Tabellen und Kurzbiografien vorzüglich ausgestattet.
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.312 | 2.313 | 2.35 | 4.1 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: Markus Roth: Herrenmenschen. Göttingen: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30902-herrenmenschen_36722, veröffentlicht am 26.08.2009.
Buch-Nr.: 36722
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Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
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