/ 20.06.2013
Eric Voegelin
Hitler und die Deutschen. Hrsg. von Manfred Henningsen
München: Wilhelm Fink Verlag 2006 (Periagoge: Texte); 320 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-7705-3865-2Nach über vierzig Jahren liegt die von Henningsen herausgegebene deutsche Ausgabe der 1964 gehaltenen Vorlesungen vor. In seiner informativen Einleitung, die Voegelin stellenweise allzu viel in Schutz nimmt, rekonstruiert er nicht nur das politische und intellektuelle Umfeld, in der die Vorlesungen gehalten wurden (die Diskussion um Arendts Buch über Eichmann und Percy Schramms „Anatomie eines Diktators“), sondern begründet auch, dass die Publikation zu Lebzeiten Voegelins ausblieb, weil dieser nicht die Rolle eines öffentlichen Intellektuellen spielen wollte. Dass er diesen Part bei einer Veröffentlichung übernommen hätte, ist aufgrund seiner Polemik gegenüber der politischen Klasse der bundesdeutschen Nachkriegszeit und seiner heftigen Attacke auf die Zeitgeschichte offenkundig. Die Kritik an der zeitgeschichtlichen Forschung basiert auf seiner weltgeschichtlichen Prämisse, dass eine Welt verächtlich ist, „die sich von einem vernunftlosen Mann erschüttern lässt“ (79). Zugleich verweist diese Ausgangsthese auf Voegelins weitläufige Perspektive, die es ihm ermöglicht, sich von einer empirischen Betrachtung zu lösen und eine philosophisch-theologische Rekonstruktion des „Abstiegs in den Abgrund“ nachzuzeichnen. Aus dieser Position heraus werden das Versagen der beiden Kirchen und der Rechtswissenschaft sowie die falsche akademische Behandlung des Nationalsozialismus rekonstruiert. Als Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus wird von Voegelin dagegen der Verfall der Wirklichkeit und die Imagination einer zweiten Wirklichkeit eingeführt, deren Bedrohung durch die Realität gewaltsam aufrecht erhalten wird. Darin liegen die Stärken der Vorlesungen und die Parallelen zu Arendt, aber auch zu Horkheimer und Adorno. Die Frage, was die Deutschen konkret falsch gemacht haben, wird jedoch nur indirekt beantwortet. Die letzten beiden Kapitel sind die bereits erschienenen Vorlesungen über „Die Größe Max Webers“ und „Die deutsche Universität und die Ordnung der deutschen Gesellschaft“.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.46 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Eric Voegelin: Hitler und die Deutschen. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25644-hitler-und-die-deutschen_29753, veröffentlicht am 03.12.2007.
Buch-Nr.: 29753
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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