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/ 19.06.2013
Rafael Seligmann

Hitler. Die Deutschen und ihr Führer

München: Ullstein 2004; 336 S.; 2. Aufl.; geb., 22,- €; ISBN 3-550-07589-8
Anders als der Titel vermuten lässt, erzählt Seligmann vor allem die Geschichte des Dritten Reiches. Die von ihm eingangs aufgeworfene Frage, warum Hitler die Deutschen in seinen Bann schlagen konnte, wird über die Kapitel verteilt zwar immer wieder kurz aufgegriffen, aber nicht zusammenhängend analysiert. Seine Interpretation, dass die Deutschen aus einer Ablehnung der Moderne heraus Hitler als einem Heilsbringer in unsicheren Zeiten gefolgt seien, ist keinesfalls neu. Zudem zeigt die Darstellung insgesamt einige Schwächen. So hat Seligmann ausdrücklich auf Fußnoten verzichtet, die Grenzen zwischen Fakten, Forschungsstand und eigener Interpretation verwischen bis zur Unkenntlichkeit. Im Anhang findet sich nicht einmal ein Literaturverzeichnis, sodass man nur raten kann, woher Seligmann sein Wissen bezieht. Ausdrücklich nennt er nur die Hitlerbiografien von Fest und Kershaw, kritisiert beide aber fortwährend (und etwas nervtötend) für seiner Ansicht nach falsche Gewichtungen und Interpretationen. Außerdem befremden einige der Aussagen Seligmanns. Er stellt ohne jeden Beleg Hitler „aufgrund seiner revolutionären Politik" (123) mit Bismarck in eine Reihe, attestiert den deutschen Juden „eine relativ hohe Toleranzschwelle gegenüber dem Antisemitismus" (144) und befindet das Nazi-Regime als „vergleichsweise ‚tolerant'", da es „lediglich Juden, Sinti und Roma, seit dem ‚Röhm-Putsch' bekennende Homosexuelle und aktive politische Gegner von der Volksgemeinschaft" (172) ausgeschlossen habe. An dieser Stelle vergisst der Autor tatsächlich, den Holocaust zu erwähnen. Außerdem befindet er, etwas harmloser, dass „die Untreue der Italiener gegenüber Mussolini [...] nicht nobel, sondern vernünftig" (281) war - insgesamt ist das als populärwissenschaftlich einzustufende Buch wenig überzeugend.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Rafael Seligmann: Hitler. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21403-hitler_24979, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24979 Rezension drucken
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