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/ 11.06.2013
Ralf Georg Reuth

Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit

München/Zürich: Piper 2009; 375 S.; geb., 22,95 €; ISBN 978-3-492-05177-4
Der Journalist und Zeithistoriker Reuth nimmt sich eines schwierigen Themas an: Wann und unter welchen Umständen ist Hitlers Judenhass entstanden? Dabei setzt er sich von den Ergebnissen der drei bisherigen großen Hitlerbiografen, Ian Kershaw, Alan Bullock und Joachim Fest, ab und strebt bewusst eine „Historisierung“ (9) des Ungeheuerlichen an. Denn entgegen den gängigen Deutungen „existiert vor dem Spätsommer 1919 […] kein einziges Zeugnis“ (21), das Hitler als Judenhasser ausweisen würde. Der Autor sieht ihn bis zu jenem Zeitpunkt gar eher als „Judenfreund“ und deutet Hitlers Beschreibung in „Mein Kampf“, erschienen 1925, nach der er in den Jahren in Wien zwischen 1909 und 1913 die Wandlung zum Antisemiten vollzogen habe, als Inszenierung, die seinen freundschaftlichen Umgang mit vielen Juden in den Jahren zuvor verdecken soll. Auch Hitlers aktiver und kooperativer Rolle in der „jüdischen Räterepublik“ (53) in München wünscht Reuth mehr Beachtung. Für den Wandel Hitlers zum Antisemiten macht der Autor zwei Zäsuren verantwortlich. Erstens sei da „das Tabu: Radikal-Antisemitismus als Reflex auf den „jüdischen Bolschewismus“ (103) und zweitens der Versailler Friedensvertrag, „denn die Brutalität der Forderungen der Siegermächte […] stürzte Deutschland in den mentalen Ausnahmezustand“ (103). Mentalitätsgeschichtlich argumentierend, klassifiziert der Autor die Angst vor der kulturzerstörerischen Kraft des Bolschewismus in Deutschland als höchst wirkmächtig und führt aus: „Forciert wurde Hitlers Ideologisierung noch durch seine Versetzung […] in eine anti-bolschewistische Propaganda-Abteilung Anfang Juni 1919“ (137). Reuth schildert, welchen Einflüssen Hitler folgte, wenn er von nun an der fixen Idee einer jüdischen Weltverschwörung anhing, die 1919 in der gesellschaftlichen Mitte „eine nie da gewesene Präsenz“ (197) erreichte. Bei diesen Ausführungen ist sich Reuth jedoch weiterhin der „Monstrosität“ (19) Hitlers bewusst und spricht von dessen Wahnwelt, Manie und Irrationalismen.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3122.311 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. München/Zürich: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9623-hitlers-judenhass_36285, veröffentlicht am 20.05.2009. Buch-Nr.: 36285 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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