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/ 11.06.2013
Barbara Zehnpfennig

Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation

München: Wilhelm Fink Verlag 2000; 348 S.; kart., 24,54 €; ISBN 3-7705-3533-
Die Hitler-Biographen wie z. B. Allan Bullock, Joachim Fest und Ian Kershaw zitieren und nutzen Hitlers "Mein Kampf" als Primärquelle für die Zeit vor 1925/26, wobei sie sich hauptsächlich dem ersten Band widmen. Dabei sind sich die NS-Forscher einig darin, dass die Lebensbekenntnisse und politischen Gedanken des gerade gescheiterten Berlin-Marschierers nicht oberflächlich zu nehmen sind, sondern einen Legenden- und Mythenfilter durchlaufen müssen, ehe man an die tatsächlichen oder vermeintlichen historischen Wahrheiten gelangt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich bislang niemand ernsthaft mit dieser Quelle auseinander setzte, sie einer textkritischen Interpretation unterzog. Weshalb dem so war, ist einerseits Ausfluss der Meinung der Zeitgenossen, andererseits langjährige Forschungsmeinung: Hitler, der Verführer der Massen, sei als politischer Denker ein Stümper gewesen und daher musste sein Buch ebenfalls unausgegoren, also der Mühe einer ernsthaften Beschäftigung nicht wert sein. Dass die Interpretation von Hitlers "Mein Kampf" keine akademische Fingerübung ist, wird deutlich, wenn man nach dem Politiker Hitler fragt: War er prinzipienlos, handelte er ohne politische Konzeption? Oder war er im Gegenteil programmatisch orientiert, hatte seine politischen Absichten und Handlungen nicht der Eingebung des Augenblicks überlassen? Die Intentionalisten (z. B. Eberhard Jäckel) betonen gerade diese Programmatik Hitlers und verweisen auf seine Äußerungen in "Mein Kampf", zeigen, dass seine Lebensraumpläne, seine Ostpolitik wohl kaum eine opportunistische Anwandlung, eine Anleihe aus dem Fundus der konservativen, rechtsradikalen und nicht zuletzt monarchischen Traditionen gewesen ist. Die Funktionalisten, wie Hans Mommsen und Martin Broszat, sehen kein politisches Konzept, also konnte die Diktatur auch keine Umsetzung eines wie auch immer gearteten Programms sein. Bei aller bekundeten Sympathie für die Intentionalisten ist Zehnpfennigs Studie nicht als Plädoyer für diese Theorie misszuverstehen. Ihr geht es nicht darum, Hitlers Bekenntnisschrift auf offensichtliche und versteckte Hinweise abzuklopfen, sie mit seiner späteren Politik zu vergleichen, um so Hitlers Planungsfähigkeit nachzuweisen oder diese These zu untermauern. Zehnpfennigs Intention geht wesentlich weiter: "Hitler soll aus sich heraus verstanden werden, gemäß dem Zusammenhang, den er selbst seinen Gedanken gibt." (30) Der Historiker mag zunächst Schwierigkeiten damit haben, dass die Autorin allein den Buchtext als Grundlage einer Interpretation gelten lassen will, statt sich ausgehend von einem umfassenden Quellenstudium "Mein Kampf" zu nähern. Aber das Gegenargument ist einleuchtend: "Es genügt bspw. nicht zu konstatieren, dass für Hitlers Weltanschauung die Rassenfrage wesentlich ist, solange man nicht geklärt hat, was Hitler mit dem Terminus 'Rasse' meint. Erst auf der Grundlage der subjektiven Bedeutung, die Hitler mit dem Begriff verbindet, wird auch die objektive Bedeutung seiner Theorie erkennbar. Um diese geht es letztlich in der Analyse." (33) Und eine solche Analyse ist nur aus dem Text selbst zu verstehen. Die Ergebnisse schließlich, die Zehnpfennig nach einer detaillierten Interpretation liefert, sind insofern neu als sie nicht bei den Phänomenen stehen bleibt, sondern zeigen kann, welches Denken Hitlers sich hinter den historischen Fakten verbirgt. So zum Beispiel der Judenhass: Ihn allein mit Rassismus zu erklären, greift zu kurz. Zehnpfennigs Textkritik bietet einen anderen Beweggrund: Hitler unterstellt dem Judentum eine Gesinnung, die er selbst verabscheut. Ausrottung der Juden bedeutete für Hitler gleichzeitig die Ausrottung des von ihm gehassten Denkens. Insofern hätte Hitlers Hass auch eine soziale Klasse treffen können, aber die Identifizierung einer verabscheuten "Welthaltung" mit einer Rasse bot für Hitler "einen der Radikalität seines Wollens gemäßen Zugriff, weil die Rassenzugehörigkeit eindeutig bestimmbar zu sein schien" (310). Zehnpfennigs über weite Strecken fesselnd zu lesende Studie wird die Hitler-Forschung zwar nicht revolutionieren, aber sie schließt eine bislang bemerkenswerte Lücke: Es ist eine Sache, Quellen und Fakten in einen Sinnzusammenhang zu stellen, Deutungen über die Motivation Hitlers dadurch zu stützen oder abzulehnen; eine andere ist es, bei dem Untersuchungsgegenstand selbst nach Motiven zu suchen, zu erkennen, wie Hitler seine Umgebung sah und in welchen Zusammenhang er sie stellte. Insofern ist die urteilssichere und kenntnisreiche Interpretation Zehnpfennigs auch eine Art Archäologie hitlerschen Denkens, die erfolgreich an die Ursprünge der NS-Programmatik vordringt, sich durch die Theorieschichten gräbt, die eine funktionalistische Betrachtungsweise des Nationalsozialismus darüber gedeckt hat.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.3125.43 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Barbara Zehnpfennig: Hitlers Mein Kampf. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9353-hitlers-mein-kampf_15741, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 15741 Rezension drucken
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