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/ 20.06.2013
Susanne zur Nieden (Hrsg.)

Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900-1945

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2005 (Geschichte und Geschlechter 46); 308 S.; kart., 24,90 €; ISBN 3-593-37749-7
Die Harden‑Eulenburg‑Affäre, der größte Skandal des Kaiserreichs, rückte erstmalig die „homosexuelle Verschwörung“ in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und schuf den „homosexuellen Staatsfeind“, der angeblich versuchte, Staat und Politik zu unterwandern. Dies war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in deren Folge Homosexualität die wissenschaftliche Sphäre verließ und Sexualität und Politik, Homophobie und Staatsräson in der öffentlichen Diskussion miteinander verbunden wurden. Dies findet in der Vorstellung Ausdruck, „der Staat könne in seinen verborgenen Bewegungsgesetzen durch männliche Homosexualität geprägt und durch die Wirkkraft homosexueller Bindungen in seiner Existenz bedroht werden“ (7). Die Autoren versuchen zu ergründen, wie es zur Erschaffung des Homosexuellen als Staatsfeind kam und welche Auswirkungen dies auf das öffentliche Leben des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, auf die Politik des Nationalsozialismus und nicht zuletzt auf die Homosexuellenbewegung selbst hatte. Aus dem Inhalt: I. 1900 bis 1933: Susanne zur Nieden: Homophobie und Staatsräson (17‑51), Claudia Bruns: Skandale im Beraterkreis um Kaiser Wilhelm II. Die homoerotische „Verbündelung“ der „Liebenberger Tafelrunde“ als Politikum (52‑80), Marita Keilson‑Lauritz: Tanten, Kerle und Skandale. Die Geburt des „modernen Homosexuellen“ aus den Flügelkämpfen der Emanzipation (81‑99), Claudia Bruns: Der homosexuelle Staatsfreund. Von der Konstruktion des erotischen Männerbunds bei Hans Blüher (100‑117), Harry Oosterhuis: Vom fragwürdigen Zauber männlicher Schönheit. Politik und Homoerotik in Leben und Werk von Thomas und Klaus Mann (118‑146), Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung (147‑192), Anson Rabinbach: Van der Lubbe – ein Lustknabe Röhms? Die politische Dramaturgie der Exilkampagne zum Reichstagsbrand (193‑213). II. 1934 bis 1945: Andreas Pretzel: Vom Staatsfeind zum Volksfeind. Zur Radikalisierung der Homosexuellenverfolgung im Zusammenwirken von Polizei und Justiz (217‑252), Armin Nolzen: „Streng vertraulich!“ Die Bekämpfung „gleichgeschlechtlicher Verfehlungen“ in der Hitlerjugend (253‑280), Wolfgang Dierker: „Planmäßige Ausschlachtung der Sittlichkeitsprozesse“ Die Kampagne gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/37 (281‑293), Bernward Dörner: Heimtückische Nachrede. Zur Strafverfolgung von Gerüchten über die Homosexualität führender Politiker in der NS‑Zeit (294‑306)
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 2.3112.3122.36 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Susanne zur Nieden (Hrsg.): Homosexualität und Staatsräson. Frankfurt a. M./New York: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23620-homosexualitaet-und-staatsraeson_27128, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 27128 Rezension drucken
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