/ 21.06.2013
Robert Zagolla
Im Namen der Wahrheit. Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute
Berlin: be.bra verlag 2006; 239 S.; geb., 22,- €; ISBN 978-3-89809-067-4„Bin ich noch ein Mensch?“ (138), fragte sich der Düsseldorfer Schauspieler Wolfgang Langhoff, nachdem er von SS-Männern gefoltert worden war. Diese Frage berührt den Kern dessen, was Folter bedeutet – die Entwürdigung des Individuums, seine Entmenschlichung, weil jede Wahrnehmung von den erlittenen Qualen überdeckt wird. Der Historiker Zagolla erzählt die Geschichte der Folter in Deutschland allerdings nur mit sparsam eingesetzten Zeugnissen von Folteropfern und ohne Effekthascherei – angesichts des Themas kein leichtes Unterfangen, aber glänzend gelungen. Die „Folter [war] über Jahrhunderte hinweg ein genau definiertes Rechtsgebilde“ (14) und bis in das 19. Jahrhundert hinein ein wichtiges Fachgebiet innerhalb der Rechtswissenschaft – sie „darf nicht automatisch gleichgesetzt werden mit Barbarei oder Rechtlosigkeit.“ (18) Legitimiert wurde sie zu allen Zeiten damit, dass die Folterer wie selbstverständlich von der Schuld der Gefolterten ausgingen. Über Jahrhunderte galt es Indizien zu bekräftigen, denn nur wenn der Angeklagte gestand, galt die Täterschaft als erwiesen. Allerdings ist diese Geschichte des rechtmäßigen Einsatzes der Folter durchzogen mit Klagen von Zeitzeugen über „die Willkürjustiz vieler Obrigkeiten“ (57). Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass Gefolterte meist alles Verlangte gestehen. Nach der Abschaffung der gerichtlich angeordneten Folter gegen Ende des 18. Jahrhunderts übten aber weiterhin Polizeibeamte bei Vernehmungen (gerichtlich unkontrollierte) Gewalt aus, was erst in der Weimarer Republik ein vorläufiges Ende hatte. Als völlig willkürlich beschreibt Zagolla die Anwendung der Folter im Nationalsozialismus, außerdem nennt er der Folter nahe Grenzfälle von Misshandlungen in der DDR und schließlich die Androhung von Gewalt im Entführungsfall Jakob von Metzler – Folter könne offenbar unabhängig von der Staatsform überall möglich werden, schreibt Zagolla. Sie sei kein Phänomen, das auf gleichsam naturgesetzlichem Wege verschwunden sei, sondern eines, „das überwunden wurde und das immer wieder neu überwunden werden muss“ (219).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.31 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Robert Zagolla: Im Namen der Wahrheit. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26388-im-namen-der-wahrheit_30745, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30745
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