/ 22.06.2013
Adam Czerniaków
Im Warschauer Getto 1939-1942. Das Tagebuch des Adam Czerniaków
München: C. H. Beck 2013 (Beck'sche Reihe 1979); XXV, 313 S.; brosch., 16,95 €; ISBN 978-3-406-62949-5Es leben nicht mehr viele Menschen, die vom Holocaust erzählen können. Umso bedeutender werden die niedergeschriebenen Berichte. Das unmittelbarste Zeugnis sind Tagebücher, die ihre ganz eigene Wirkung entfalten, weil sie noch Jahrzehnte später am Geschehen teilhaben lassen. Dies gilt auch für das Tagebuch von Adam Czerniaków, das nun erstmals in einer Taschenbuchausgabe vorliegt. Diese geht wie die erste deutsche Ausgabe von 1986 auf die 1983 erschienene, wissenschaftlich kommentierte polnische Ausgabe zurück. Czerniaków war im September 1939 zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Warschau ernannt worden, es war die größte Gemeinde Europas. Die deutschen Behörden machten ihn auch zum Vorsitzenden des sogenannten Judenrats, damit musste er ihnen als Mittelmann zur jüdischen Bevölkerung dienen und deren Leben nach deutschen Vorgaben organisieren. Israel Gutman beschreibt Czerniaków im Vorwort als zwar nicht unumstrittenen, aber immer aufrechten Mann. Dieser Eindruck bestätigt sich in den Tagebuchnotizen, niedergeschrieben in neun Heften, von denen acht erhalten sind. Czerniakóws nüchterne Schilderungen entfalten einen grausamen Alltag, der gekennzeichnet war durch die Einrichtung des Ghettos, durch völlig willkürlich agierende Besatzer, Hunger und Tod. Es bleiben vor allem zwei wesentliche Eindrücke haften: Zum einen sind dies die – vergeblichen, aber an keinem Tag aufgegebenen – Versuche Czerniakóws, als Mensch wahrgenommen und respektiert zu werden, auch von der SS. Dennoch bleibt ihm kaum eine Schikane erspart. Unverkennbar schmerzt es ihn, wenn die Bewohner des Ghettos, die keinerlei Möglichkeit hatten, mit den deutschen Besatzungsbehörden in Kontakt zu treten, ihn für die unwürdigen Zustände verantwortlich machten. Zwar versuchte er alles, um das Weiterleben der jüdischen Bevölkerung zu ermöglichen. Wie vergeblich dies war, zeigte sich im Sommer 1942 endgültig. Zu diesem Zeitpunkt verstärkt sich auch der zweite Eindruck – von der Feigheit der deutschen Behörden, die es vermieden, direkt (und nicht über den Umweg des Judenrats) über das Schicksal ihrer Opfer für alle erkennbar zu entscheiden. Auch Czerniaków wurde über den Plan, alle Bewohner des Ghettos zu deportieren, bis zum letztmöglichen Zeitpunkt angelogen. Als die Besatzer dann im Juli 1942 diese Absicht erklärten und von ihm verlangten, einen Kindertransport zusammenzustellen, wählte Czerniaków den Tod. Zum Abschied schrieb er: „Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder der Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen.“ (285)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.1 | 2.312 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Adam Czerniaków: Im Warschauer Getto 1939-1942. München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35270-im-warschauer-getto-1939-1942_42475, veröffentlicht am 18.04.2013.
Buch-Nr.: 42475
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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