/ 22.06.2013
Dietmar Keller (Hrsg.)
In den Mühlen der Ebene. Unzeitgemäße Erinnerungen
Berlin: Karl Dietz Verlag 2012; 255 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-320-02270-9Dietmar Keller, damaliger DDR-Wissenschaftler, ehemaliger Staatssekretär für Kultur und unter der Modrow-Regierung sogar Kulturminister, legt mit diesem Buch seine autobiografischen Erinnerungen vor. Durch die Einbeziehung seiner historisch-persönlichen Sicht, die offene Darlegung individueller Überlegungen sowie die Beschreibung der damaligen Machtverhältnisse und politischen Spielregeln gelingt es Keller, persönliche Handlungen und politische Entscheidungen aus heutiger Sicht nachvollziehbar(er) zu machen – eine Tatsache, die nicht allen ehemaligen DDR-Politikern in gleicher Weise gelingt. Beispielsweise schildert Keller, wie er sich 1987 während einer Ausstellungseröffnung in Bonn mehr oder weniger spontan dazu entschloss, über das zu sprechen, „was zu sagen war“ (149) und ihn Ministerpräsident Johannes Rau daraufhin warnte: „Herr Keller, wunderbar, was Sie gesagt haben, ich stimme dem ohne Einschränkungen völlig zu, aber ich bitte Sie in meiner staatspolitischen Verantwortung, gefährden Sie durch Ihre wunderbare Offenheit nicht die bescheidenen Anfänge der deutsch-deutschen Verhandlungen. Wir können uns zu diesem Zeitpunkt keine innere Opposition in der SED leisten“ (149). Demgegenüber erfährt der Leser auch, dass sich Keller sehr wohl bewusst war, dass eine kritische Haltung nicht endlos fortgesetzt werden konnte: So beschreibt er u. a. die Situation, in der man ihm das lang ersehnte Angebot unterbreitete, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, deren Bedingung aber eine zeitweilige Tätigkeit außerhalb der Universität war. Man stellte Keller vor die Wahl, entweder vier Jahre Sekretär der Kreisleitung Leipzig zu werden oder die Hoffnung auf eine wissenschaftliche Karriere aufzugeben. Nach vielen Überlegungen und dem Wissen, das eine Zustimmung auch einen gewissen Opportunismus einschloss, entschied sich Keller schlussendlich für die hauptberufliche politische Tätigkeit: „Dreimal lehnt man bei der ‚führenden Rolle‘ nicht ungestraft ab“ (45). Keller gewährt mit diesem Buch Einblicke in seine wissenschaftliche und politische Karriere innerhalb der DDR, zeigt gleichzeitig, dass diese Möglichkeit nicht pauschal gleichgesetzt werden darf mit einer bedingungslosen Systemzustimmung und lässt dieses Buch damit nicht „nur“ eine autobiografische Erinnerung, sondern gleichzeitig auch eine kritische Reflexion über die Entwicklung der DDR sein.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.314 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Dietmar Keller (Hrsg.): In den Mühlen der Ebene. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35108-in-den-muehlen-der-ebene_42256, veröffentlicht am 21.06.2012.
Buch-Nr.: 42256
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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