/ 21.06.2013
Theodor Heuss
In der Defensive. Briefe 1933-1945. Hrsg. und bearb. von Elke Seefried
München: K. G. Saur Verlag 2009 (Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe: Briefe); 646 S.; 39,95 €; ISBN 978-3-598-25124-5Vor allem an der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz entzünde sich die Frage „nach einer möglichen Selbstpreisgabe des Liberalismus, nach seinem freiwilligen, ja schuldhaften Abtreten von der gesellschaftlichen und politischen Bühne“ (22), schreibt Seefried in der Einleitung zu den 194 Briefen, die für diesen Band aus 2.000 Schreiben ausgewählt worden sind. Diese Briefe könnten zur Beantwortung dieser und weiterer Forschungsfragen herangezogen werden – Fragen sowohl hinsichtlich des vielschichtigen Lebens und Wirkens von Heuss während der Zeit des Nationalsozialismus als auch mit Blick auf eine Erfahrungs‑ und Wahrnehmungsgeschichte der Liberalen nach der NS‑Machtübernahme. Der spätere Bundespräsident, der erst mit seiner Staatspartei den Nationalsozialisten den Weg mitebnete und dann sein Reichstagsmandat und seine Dozentur an der Hochschule für Politik verlor, arbeitete bis 1945 als Publizist (wobei das Familieneinkommen im Wesentlichen von seiner Frau bestritten wurde) und war ein emsiger Briefeschreiber. Seefried gibt allerdings mit Blick auf eine Auswertung dieser Quellen zu bedenken, dass Heuss’ Post zeitweise kontrolliert wurde und ein regimekritischer Austausch grundsätzlich nicht schriftlich stattfinden konnte. Aufgezeigt werden könnten allerdings soziale Verflechtungen sowie Netzwerk‑ und Patronagestrukturen. „Schließlich lassen sich die Briefe von Heuss einbetten in die – im Hinblick auf eine Gesellschaftsgeschichte der Jahre 1933 bis 1945 zentrale – Frage nach Bürgertum und Bürgerlichkeit als sozialer und kultureller Formation im 20. Jahrhundert“ (68). Tatsächlich vermitteln die Briefe den Eindruck einer durch das NS‑Regime stark eingeengten Normalität, der Heuss auch mit Mitteln der Ironie entgegentrat. Einen Ausblick auf sein weiteres politisches Wirken war ihm aber nicht möglich, im März 1945 schrieb er: „Ich gestehe, die Phantasie versagt, wenn ich an die Aufgabe der kommenden Generationen denke“ (528).
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Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Theodor Heuss: In der Defensive. Briefe 1933-1945. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31189-in-der-defensive-briefe-1933-1945_37093, veröffentlicht am 01.12.2009.
Buch-Nr.: 37093
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