/ 21.06.2013
Udo Grashoff
"In einem Anfall von Depression ..." Selbsttötungen in der DDR
Berlin: Ch. Links Verlag 2006; 518 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-86153-420-4Geschichtswiss. Diss. Leipzig; Gutachter: G. Heydemann. – „Die DDR hatte eine der höchsten Selbsttötungsraten der Welt“ (11), schreibt Grashoff, jährlich beendeten 5.000 bis 6.000 Menschen ihr Leben und damit durchgängig mehr als in der alten Bundesrepublik. Diese Suizide wurden im Kalten Krieg von westlicher Seite instrumentalisiert, um die Unmenschlichkeit des SED-Systems zu belegen. Aber war diese Interpretation berechtigt? Tatsächlich lassen sich Beispiele für politisch begründete Verzweiflungstaten finden, in der Gesamtschau waren die Suizide aber nicht dem politischen und/oder ökonomischen System der DDR geschuldet, so das Ergebnis dieser Studie. Die Unterschiede in ihrer Anzahl seien zwischen Ost- und Westdeutschland fast 100 Jahre lang stabil gewesen, schreibt Grashoff, vor allem die hohe Zahl an alten Menschen sei mit einer regionalen „Tradition“ zu erklären, bestimmt durch Faktoren wie protestantische Religion und Mentalität. In Sachsen habe es langfristig überdurchschnittlich hohe Selbsttötungsraten gegeben, gleichzeitig belegten schon die Kriminalitätsstatistiken des Deutschen Reiches dort eine relativ geringe Neigung zu Gewalttaten. Im Norden der DDR sei die Selbsttötungsrate niedriger gewesen, dafür aber die des Alkoholmissbrauchs höher. Die Selbsttötungsraten von Angehörigen der NVA, von Gefängnisinsassen und Jugendlichen, die Grashoff beispielhaft analysiert, entsprechen dem Bevölkerungsdurchschnitt. Ein Grund dafür, dass sich die politische Repression meist nicht in der Suizidrate widerspiegelte, sieht Grashoff darin, dass auf eine Ausreise in die Bundesrepublik gehofft werden konnte. Aus Sicht der SED aber sei eine Selbsttötung ein ideologischer Störfall gewesen, weshalb es lange zu einer Tabuisierung gekommen sei – mit dem Effekt, dass der Eindruck erweckt worden sei, das politische System treibe Menschen in den Tod. In Einzelfällen aber habe die Diktatur tatsächlich „einen wirksamen Resonanzraum für suizidale Proteste“ (472) abgegeben. Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich selbst verbrannte, ist sicher der bekannteste politisch motivierte Suizid.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Udo Grashoff: "In einem Anfall von Depression ..." Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26800-in-einem-anfall-von-depression-_31266, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31266
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