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/ 07.06.2013
Werner Renz (Hrsg.)

Interessen um Eichmann. Israelische Justiz, deutsche Strafverfolgung und alte Kameradschaften

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2012 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts 20); 332 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-593-39750-4
Als Prozessbeobachterin in Jerusalem hatte die in Renz‘ Einleitung zur Geschichte des Prozesses und seiner Hauptfigur nur einmal erwähnte Hannah Arendt für den Angeklagten Adolf Eichmann die Formel von der „Banalität des Bösen“ geprägt. Der Prozess selbst, so Renz, sei dabei weniger Sieger‑ oder Opferjustiz gewesen, sondern ein weit in die betroffenen Gesellschaften hineinwirkender Versuch der juristischen Aufarbeitung des „historisch präzedenzlosen Menschheitsverbrechens“ (13), die in so vielen anderen Fällen entweder versagt hatte oder gar ganz ausgeblieben war. Insoweit sind die in dem Band versammelten Beiträge weniger auf die Ereignisse im Jerusalemer Bezirksgericht als vielmehr auf die Welt darum herum gerichtet. Hanna Yablonka unterstreicht in ihrem Beitrag die nachgerade welthistorische Relevanz des Eichmann‑Prozesses, der gerade deswegen kein jüdisches Nürnberg gewesen sei, weil er nicht in erster Linie bis dahin Unbekanntes ans Licht gebracht, sondern vielmehr die „Shoa selbst ins Zentrum eines weltweiten kulturellen Diskurses“ (91) gerückt habe. Wie wenig selbstverständlich ein solcher Diskurs damals war, rekonstruiert Willi Winkler exemplarisch in seinem Aufsatz. Seine Analyse des redlichen Strebens um „innere Befriedung“ (289) in der sich – wohl kaum ernsthaft – entnazifiziert wähnenden jungen Bundesrepublik führt recht schnell in den braunen Sumpf nicht nur von Geheimdiensten, die – etwa im Falle des BND – um kaum versteckte Hilfe für Naziverbrecher bemüht waren. Und so bleibt es – nicht zuletzt angesichts der von Ann‑Kathrin Pollmann nachgezeichneten Debatte, die Günther Anders über die monströsen Parallelen von Holocaust und Hiroshima angestoßen hatte – an Ursula Ludz, den Blick wieder zurück in den Gerichtssaal und damit auf den historischen Kontext zu lenken, auf den Hannah Arendt mit dem bereits zitierten Eindruck reagiert hatte. Die Beiträge gehen zurück auf eine am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main anlässlich des 50. Jahrestages des Eichmann‑Prozesses abgehaltene Tagung – und sie sind ein wirklich spannender Fundus für interessierte Blicke rund um den „Glaskäfig“ (147).
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 1.32.212.632.354.215.46 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Werner Renz (Hrsg.): Interessen um Eichmann. Frankfurt a. M./New York: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9218-interessen-um-eichmann_43169, veröffentlicht am 14.03.2013. Buch-Nr.: 43169 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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