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/ 17.06.2013
Heiner Geißler

Intoleranz. Vom Unglück unserer Zeit

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2002; 271 S.; geb., 19,90 €; ISBN 3-462-0382-5
Im Gepäck eines der Terroristen vom 11. September 2001 wurde eine Verhaltensanleitung für die Tat bis zu den Sekunden vor dem Einschlag gefunden. In jedem Halbsatz kommt das Wort Gott vor. Die Heilsgewissheit in diesen Zeilen in Verbindung mit dem mörderischen Zweck, der dahinter steht, ist Ausdruck einer mit letzter Konsequenz betriebenen Ablehnung anderer Ansichten und Lebensformen. Der frühere Bundesminister und CDU-Generalsekretär Geißler wendet sich in sehr deutlicher Form gegen diese und andere Arten von Intoleranz. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, kritisiert er Fundamentalisten jeglicher Couleur, wobei er sich aus gegebenem Anlass jedoch besonders ausgiebig mit den Islamisten im Besonderen und dem Islam im Allgemeinen beschäftigt. Er verlangt von den Muslimen in diesem Zusammenhang die Anerkennung der Freiheitswerte westlicher Gesellschaften, insbesondere der Rechte der Frau. Gleichzeitig warnt er vor falsch verstandener Multikulturalität. Sie bedeutet für ihn eben nicht das Recht auf Differenz und kulturelle Identität ohne jegliche Einschränkung. Multikulturelle, die sich als Erben der Aufklärung verstehen, dürfen seiner Meinung nach nicht die republikanischen Grundsätze aufgeben. Aus den gleichen Gründen wendet Geißler sich auch vehement gegen jede Tendenz zur Überbetonung des Nationalen. Mehrfach zitiert er das treffende ukrainische Sprichwort: "Wenn die Fahne fliegt, ist der Verstand in der Trompete." Heimat und Identifikation kann es für ihn nur in einem überschaubaren Rahmen geben. "Deutschland, das Land in der Mitte Europas, mit mehr Nachbarn als jedes andere Land der Welt, ist wie die meisten modernen Staaten zu einer Willensnation geworden." (170) Ein moderner Staat kann für Geißler nur mithilfe der Idee des Verfassungspatriotismus geeinigt werden. Sein Buch, in dem er sich gegen vielfältige Spielarten der Intoleranz wendet, ist ein großes Plädoyer für den aufrechten Gang, für das konsequente Messen der Anderen, aber auch der eigenen Handlungen an den Maßstäben der Menschenrechte und des Grundgesetzes sowie den Idealen von Freiheit und Aufklärung.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.235.422.222.21 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Heiner Geißler: Intoleranz. Köln: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16708-intoleranz_19193, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19193 Rezension drucken
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