Skip to main content
/ 18.06.2013
Fritz Kieffer

Judenverfolgung in Deutschland - eine innere Angelegenheit? Internationale Reaktionen auf die Flüchtlingsproblematik 1933-1939

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002 (Historische Mitteilungen 44); 520 S.; geb., 100,- €; ISBN 3-515-08025-2
Geschichtswiss. Diss. Mainz; Gutachter: K. Fuchs, W. Baumgart. - Wie reagierte das Ausland auf die Politik der "Austreibung" des Nazi-Regimes, der "'Entfernung der Juden aus dem deutschen Herrschaftsbereich'" (481)? Nach Ansicht Kieffers versuchten Deutschlands Nachbarn zunächst, dem Völkerbund die Verantwortung für die Flüchtlinge zu übertragen. Erst während der Konferenz im Juli 1938 in Evian les Bains in der Schweiz, die auf Einladung der US-Regierung stattfand, wurde nach Möglichkeiten gesucht, wie sich die Flucht zahlloser Menschen in eine gezielte Auswanderung umwandeln ließ. Sie bewirkte, dass es zu Gesprächen mit der Reichsregierung über eine Lösung der Flüchtlingsprobleme kam. Von jüdischer Seite wurde das Haavara-Modell erarbeitet, das die Vermögensverlagerung ins Ausland für die Juden nicht mit Devisen, sondern durch Waren vorsah, um auf diese Weise dem Devisenproblem der deutschen Ökonomie Rechnung zu tragen. Kieffer geht auf bisher wenig beachtete Aspekte ein, wie die Tatsache, dass Deutschland dem in Evian gegründeten Intergovernmental Committee on Political Refugees einen Vorschlag zur Finanzierung der Auswanderung von 400.000 Juden präsentierte und es Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und dem Intergovernmental Committee zu einem Programm über eine organisierte Auswanderung gab. Es oblag den Evian-Staaten, insbesondere den USA, alternative Lösungen zum Haavara-Transfer zu finden, um die Auswanderung der Verfolgten zu finanzieren. Der Autor beschreibt das Spannungsfeld aufseiten der Evian-Staaten, die sich zwischen realpolitischen Erwägungen einerseits und moralischen Überlegungen andererseits befanden. Reichsbankpräsident Schacht entwickelte die Idee, die Auswanderung der erwerbstätigen Juden durch 25 Prozent des jüdischen Vermögens zu finanzieren, doch dieser Gedanke rief Widerstand seitens des Auslands hervor. Nicht nur zur Frage der Finanzierung, sondern auch zu der des "Wohin" mit den Flüchtlingen existierten Pläne, in diesem Zusammenhang wurde von einem "'jüdischen Reservat'" (486) außerhalb Palästinas gesprochen. Inhaltsübersicht: I. Das Flüchtlingsproblem wird dem Völkerbund zugeschoben; II. Auswege aus der Devisenklemme; III. Die Konferenz von Evian - Eine Alibiveranstaltung?; IV. Die negativen Folgen der Eviankonferenz; V. Die Verhandlungen mit Deutschland; VI. Die ungelöste Frage: Wer nimmt die Flüchtlinge auf?
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Fritz Kieffer: Judenverfolgung in Deutschland - eine innere Angelegenheit? Stuttgart: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17896-judenverfolgung-in-deutschland---eine-innere-angelegenheit_20652, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20652 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA