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/ 05.06.2013
Beate Meyer

"Jüdische Mischlinge" Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945

Hamburg: Dölling und Galitz Verlag 1998 (Studien zur jüdischen Geschichte 6); 494 S.; brosch., 48,- DM; ISBN 3-933374-22-7
Diss. Hamburg. - Während die Literatur über Vertreibung und Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland mittlerweile kaum noch zu übersehen ist, wurde das Schicksal der "Mischlinge" bislang nur wenig erforscht. Diese Studie soll dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Eine Unzahl von Anordnungen reglementierte das Leben der sogenannten Mischlinge (u. a. Ausweisung aus Schule und Universität, Versagung von Heiratserlaubnissen) und prägte deren Sozialisation. Die Autorin befaßt sich primär mit denjenigen "Mischlingen", "die als Gruppe - zumindest bis kurz vor Kriegsende - ein rein gedankliches Konstrukt ihrer Verfolger waren" (13). Die Untersuchung richtet sich u. a. auf die Fragen: "Was hatte dieses Konstrukt mit der realen Personengruppe zu tun? Wie war die soziale Zusammensetzung des über die jüdische Herkunft eines Elternteils definierten Personenkreises? Welches Selbstverständnis zeigten diejenigen, die in die Verfolgungskategorie 'Mischling' eingestuft wurden? Von welchen Maßnahmen waren sie tatsächlich betroffen? Welche Umgangsstrategien entwickelten sie kurz- oder längerfristig?" (13) Anhand bislang unerschlossenen Archivmaterials und 60 lebensgeschichtlicher Interviews zeichnet die Autorin die Verfolgung dieses Personenkreises nach. Es werden die - oft widersprüchlichen - Integrations- und Ausgrenzungserfahrungen untersucht, die die Mischlinge in Staat und Gesellschaft der NS-Zeit erlebten; die Verfolgung der Elterngeneration wird einbezogen wie auch die Möglichkeiten und Versuche, sich der Verfolgung zu entziehen. Weiterhin werden die vielfachen Diskriminierungen deutlich, denen "Mischlinge" in ihrem Alltagshandeln und ihrer Privatsphäre ausgesetzt waren. Die Autorin analysiert schließlich auch die bis heute spürbaren lebensgeschichtlichen Auswirkungen. Die Studie beinhaltet 26 Tabellen, ein sechzehnseitiges Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Personenregister. Inhaltsübersicht: I. Die Verfolgung der Mischehen im Nationalsozialismus: 1. Das Ende des Integrationsprozesses; 2. Der Verfolgungsprozeß aus der Sicht der Betroffenen; 3. Verstärkung des Verfolgungsdrucks ab 1942; 4. Scheidungen von Mischehen. II. Vom "Nichtarier" zum "Ehrenarier"? (Schein)-Möglichkeiten zur Veränderung des Verfolgtenstatus: 1. "Nichtarier", "Volljuden", "Mischlinge" - Die Auseinandersetzungen um den Judenbegriff 1933-1943; 2. Befreiung von den Vorschriften des Reichsbürgergesetzes?; 3. Abstammungsverfahren vor Zivilgerichten; 4. Andere "Ehrenarier". III. Die Nationalsozialistische "Mischlingspolitik" in der Praxis - Maßnahmen und Reaktionen: 1. Die "Mischlinge" - Zahlen, Altersgruppen und soziales Profil; 2. Die Zerstörung der Privatsphäre; 3. Von der "freien wirtschaftlichen Betätigung zur Zwangsarbeit; 4. "Mischlinge" als Opfer von Zwangsmaßnahmen; 5. "Mischlinge" in der NSDAP und ihren Unterorganisationen. IV. Der Verfolgungsprozeß und seine Auswirkungen im Spiegel lebensgeschichtlicher Interviews: 1. "Mischling zweiten Grades"; 2. "Mischlinge ersten Grades"; 3. "Geltungsjuden". Ausblick: Die Situation der als "Mischlinge" Verfolgten nach 1945.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Beate Meyer: "Jüdische Mischlinge" Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8008-juedische-mischlinge_10602, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10602 Rezension drucken
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