/ 22.06.2013
Werner Bonefeld / Michael Heinrich (Hrsg.)
Kapital & Kritik. Nach der "neuen" Marx-Lektüre
Hamburg: VSA 2011; 354 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-89965-403-5Die sogenannte neue Marx-Lektüre, die sich seit den 1960er-Jahren in Deutschland etabliert hat, war gleichbedeutend mit der Abkehr von einem orthodoxen Marxismus und entwarf demgegenüber ein Forschungsprogramm, das die Rekonstruktion der Marx’schen Schriften in kritisch-konstruktiver Manier zum Ziel hatte. Der Untertitel des Buches postuliert nun keineswegs eine Abkehr von dieser Theorietradition oder gar eine Rückkehr zu orthodoxen Lesarten. Vielmehr setzen sich die Herausgeber und Autoren mit einer Art „‚neuen’ neuen Marx-Lektüre“ auseinander und dies im doppelten Sinne. Erstens ist das Interesse an Marx im Zuge der Finanzkrise auch außerhalb der etablierten Wissenschaften wieder gewachsen – und dies erfordert eine Selbstreflexion der Marx-Forschung bezüglich Fragen der Vermittlung und Übersetzung der eher schwierig zu lesenden Marx’schen Schriften. Dies diskutiert zum Beispiel Anne Steckner in ihrem Beitrag, hebt jedoch zugleich die Chancen einer neuen und naiven Marx-Lektüre (im Sinne einer Lektüre ohne den Ballast jahrzehntelanger wissenschaftlicher Auseinandersetzungen) hervor. Zweitens wird die oft postulierte Rückkehr zu Marx genutzt, um neue Autoren vorzustellen, die zwar so neu nicht sind, einer breiteren Öffentlichkeit aber erstmals in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht werden. Ähnliche Bewegungen wie die „neue Marx-Lektüre“ entwickelten sich nämlich parallel auch und vor allem in Großbritannien, Frankreich und Italien. Diese Beiträge eröffnen interessante Perspektiven auf die Marx’sche Theorie, die zwar in anderen Ländern bereits eine längere Tradition haben, in die deutsche Diskussion aber durchaus neue Aspekte einbringen. So analysiert zum Beispiel Joseph Fracchia die Rolle des menschlichen Körpers bei Marx vor dem Hintergrund von Begrifflichkeiten wie Entfremdung und Fetischismus, Ver- und Entwertung. In eine teilweise ähnliche Richtung zielt der Beitrag von Riccardo Bellofiore, der sich mit dem Begriff der abstrakten Arbeit bei Marx auseinandersetzt. Insgesamt versammelt der Band viele ältere und neuere Einblicke sowohl für Marx-Kenner als auch – vor allem aufgrund der guten Lesbarkeit – für Studierende und eine interessierte Öffentlichkeit.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.45 | 5.42 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Werner Bonefeld / Michael Heinrich (Hrsg.): Kapital & Kritik. Hamburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32229-kapital--kritik_38460, veröffentlicht am 15.03.2012.
Buch-Nr.: 38460
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Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
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