/ 06.06.2013
Helmut Steiner
Klassengesellschaft im Umbruch. Soziale Mobilitätsprozesse in der DDR-Gesellschaft. Hrsg. von Gustav-Wilhelm Bathke und Hansgünter Meyer
Berlin: edition sigma 2010; 346 S.; 22,90 €; ISBN 978-3-8360-3577-4Es dürfte nicht allzu oft der Fall sein, dass in der DDR publizierte wissenschaftliche Arbeiten noch einmal eine Würdigung erfahren. Für den 2009 verstorbenen Soziologen Steiner, der bis 1991 Professor an der Akademie der Wissenschaften der DDR war, wird diese Ausnahme gemacht. Er habe „die Geschichte der Disziplin, ihre Entstehung und Entwicklung in der DDR“ (9) verkörpert, schreiben die Herausgeber zur Begründung. Allerdings erzählt schon die Auswahl der Beiträge aus seinem über 500 Publikationen umfassenden Werk einiges über die DDR und ihren Umgang mit der Wissenschaft und insbesondere mit der Soziologie – war doch der freien Theoriebildung durch den Marxismus-Leninismus von Anfang an der Weg versperrt. Steiner habe sich zwar nicht davon abhalten lassen zu fragen, wie es um die Sozialstruktur der DDR bestellt gewesen sei, erläutern die Herausgeber. Diese Forschung scheint vor allem bis in die 60er-Jahre hinein möglich gewesen zu sein, die erste Hälfte der Beiträge stammt aus jenem Jahrzehnt. Allerdings sei dann an Steiners Konzeption einer fünfgliedrigen sozialistischen Klassengesellschaft Anstoß genommen worden, in der das Eigentumskriterium nicht nur juristisch, sondern auch arbeitsteilig-funktionell gefasst worden sei. „Das verstieß auf dem Höhepunkt der Propagierung der sozialistischen Menschengemeinschaft in der DDR ‚gegen die guten Sitten’.“ (37) Steiner sah sich alsbald für zwei Jahre zum wissenschaftlichen Arbeiten nach Moskau delegiert. Der zweite Teil der für diesen Band ausgesuchten Beiträge stammt aus der Zeit nach dem Ende der DDR. „Es gehört zur Paradoxie der Zeit, dass Helmut Steiner erst mit dem Untergang der Gesellschaft, die im Zentrum seiner soziologischen – im marxistischen Sinne kritischen – Aufmerksamkeit stand, sich dem Thema ‚Klassenanalyse’ wieder intensiver zuwendete“ (40), schreiben Bathke und Meyer. Nachträglich konnten nun auch Fragen der sozialen Mobilität und zur Sozialstruktur der sozialistischen Gesellschaft oder zum Berufsprestige im DDR-Alltagsbewusstsein in den 60er-Jahren behandelt werden. Steiner hob dabei noch einmal hervor, dass es in der DDR kaum empirische Untersuchungen (etwa zum Berufs- und Sozialprestige) gegeben hatte, auf die sich eine Beschreibung der Realität hätte stützen können.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Helmut Steiner: Klassengesellschaft im Umbruch. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9148-klassengesellschaft-im-umbruch_40028, veröffentlicht am 10.05.2011.
Buch-Nr.: 40028
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