/ 20.06.2013
Karénina Kollmar-Paulenz
Kleine Geschichte Tibets
München: C. H. Beck 2006 (Beck'sche Reihe 1682); 216 S.; 12,90 €; ISBN 3-406-54100-3Die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen Tibets in Zentralasien stehen im Mittelpunkt dieser Darstellung, mit der die Berner Professorin für Religionswissenschaft erfreulicherweise über den Schatten ihres Faches gesprungen ist. Ihr geht es ausdrücklich nicht darum, weiter am Mythos eines rein spirituellen Ortes zu stricken, wenngleich der Buddhismus als zentraler Bezugspunkt der tibetischen Geschichte von unbestreitbarer Bedeutung ist. Die Autorin beginnt mit einer Einführung über historische räumliche Ausdehnung, Völker und Sprachen. Damit wird gleich zu Beginn ohne Zweifel deutlich, dass Tibeter keine Chinesen sind – eine explizite Stellungnahme zu den anders lautenden Stellungnahmen der chinesischen Besatzungsmacht in Tibet erspart Kollmar-Paulenz sich. Im Laufe seiner Geschichte, die sie im siebten Jahrhundert beginnen lässt, beeinflussen aber die Beziehungen zu Mongolen und Chinesen durch religiöse Bindungen, Kriege und Heiraten das Schicksal Tibets, das sich lange als regionale Macht behaupten kann. Die Autorin arbeitet immer wieder die Wechselwirkungen von Religion und Politik heraus, die sich ganz anders gestalten als jene zeitgleichen zwischen Katholischer Kirche und europäischen Königen. In Tibet ist der Dalai Lama das religiöse und weltliche Oberhaupt, uneingeschränkt herrschen kann er nicht. Dies zeigt sich auch in dem gescheiterten Versuch, zu Beginn des 20. Jahrhundert das Land zu modernisieren und eine schlagkräftige Armee aufzubauen. Dass einige Tibeter und der damalige Panchen Lama anfangs den Anschluss Tibets an China begrüßten, lässt sich aus den Überschneidungen der chinesischen und tibetischen Geschichte und damit erklären, dass sich in Zentralasien kein nationalstaatliches Denken im europäischen Sinne entwickelt hatte. In diesem Sinne hat auch der Dalai Lama 1987 auf die Unabhängigkeit Tibets verzichtet und vorgeschlagen, das Land in eine Friedenszone zu verwandeln. Seine Stellung als spirituelles und weltliches Oberhaupt bliebe nach traditioneller Auffassung davon unberührt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.68 | 2.1
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Karénina Kollmar-Paulenz: Kleine Geschichte Tibets München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25782-kleine-geschichte-tibets_29928, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29928
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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