Skip to main content
/ 11.06.2013
Hans-Gerd Kästner

Kommunale Eliten und Machtstrukturen in der Nachfolge der DDR. Eine Untersuchung des politischen Systemwandels am Beispiel der Hansestadt Wismar

Berlin: Duncker & Humblot 1999 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 111); 174 S.; 86,- DM; ISBN 3-428-10047-6
Mit Lokalstudien lässt sich "das Allgemeine im Besonderen, das Große im Kleinen" (5) gerade bei historischen Umbrüchen beispielhaft erforschen. Kästner vergleicht die kommunale Machtstruktur in Wismar vor und nach 1989 und stellt die Frage, wie sich der institutionelle Wandel des politischen Systems auf die Elitenzirkulation auswirkt. Er beginnt seine Studie mit einem Überblick der klassischen Elitedefinitionen von Mosca, Pareto und Michels (16-22), ohne allerdings ihre Relevanz für seine Untersuchung deutlich zu machen. Querverweise auf Denker der politischen Theorie durchziehen die gesamte Arbeit; jeder noch so geringfügige Sachverhalt wird mit Klassikerzitaten "angereichert". Konflikte, die in der Bürgerschaft öffentlich ausgetragen werden, charakterisiert der Autor beispielsweise als "bellum omnium contra omnes" (Hobbes) (73), Gorbatschows Perestroika als "Umwertung aller Werte" (Nietzsche) (80). Am Ende verschwindet der Forschungsgegenstand beinahe unter dem theoretischen Wasserkopf. Die Erläuterung der kommunalen "Machtstruktur" bis zum Herbst 1989 anhand von Tagesordnungen der SED-Kreisleitung fällt schwach aus, die Darstellung der Vorgänge im Herbst 1989 - der eigentliche Systemwechsel – bleibt blass und verlässt ständig den regionalen Rahmen. Die politische Nachwendekultur in Wismar beschreibt Kästner als eine "blockierte Demokratisierung" (66), eine "Oligarchie der Sozialdemokraten im Willensbildungsprozeß der Stadt" (67). Der PDS hätten die Sozialdemokraten in einem Tauschhandel ihre Stimmen in der Bürgerschaft gegen Aufwertung und Einfluss abgekauft (75). Gemeinsam kredenzten sie nun neuen Wein in alten Schläuchen (154). Die Wählerschaft Wismars zeigt indessen nur geringe Bereitschaft zu Parteibindung und politischer Teilhabe, sie weise die Verbraucherhaltung von "Außengeleiteten" (141) auf. Kästner sieht darin Schumpeters "realistische" Demokratietheorie bestätigt, der Demokratie als technisches Instrumentarium zum Machterwerb, als "Methode" verstand. Inhalt: 1. Projektdesign; 2. Kommunalpolitische Steuerung durch Institutionen; 3. Exkurs: Von der politischen Wende zum sozialen Wandel; 4. Die politischen Akteure; 5. Hypothesenprüfung und vergleichende Interpretation.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.3252.3312.3152.314 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Hans-Gerd Kästner: Kommunale Eliten und Machtstrukturen in der Nachfolge der DDR. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11513-kommunale-eliten-und-machtstrukturen-in-der-nachfolge-der-ddr_13672, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13672 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA