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/ 21.06.2013
Gernot Ernst

Komplexität. "Chaostheorie" und die Linke

Stuttgart: Schmetterling Verlag 2009 (Theorie.org); 196 S.; brosch., 10,- €; ISBN 978-3-89657-652-1
Da es das Ziel linker Bewegungen sei, die bestehenden Verhältnisse zu verstehen und zum Besseren zu verändern, sei es für sie unverzichtbar, so der Autor, Ergebnisse der Komplexitätsforschung in ihre Theorien zu integrieren. Eingangs setzt sich Ernst aber von den gängigen Verständnissen von Komplexität und Chaos ab. Nicht Zufall oder Unordnung stünden im Zentrum der Chaos-Theorie, sondern vielmehr das Phänomen der Selbstorganisation: „Dass Systeme ohne zentrale Lenkung funktionieren, reagieren, sich anpassen können ist kein anarchistischer Wunschtraum, sondern eine Realität für viele Systeme“ (184). Die Begriffe der Dynamik, Kritikalität oder Netzwerktheorie werden aus linker Perspektive ausführlich erläutert, um sie so nutzbar zu machen für die Beschreibung komplexer nicht-linearer Systeme. Dabei wirken die Ausführungen über die Möglichkeiten, komplexe Systeme zu beeinflussen, reichlich knapp. So könne man u. a. die Netzwerkverbindungen intensivieren, was die Linke in der 70er-Jahren erfolgreich praktiziert habe. Auch die Frage, ob Interventionen besser regelmäßig (Montagsdemonstrationen) erfolgen oder überraschend und geballt, wird vom Autor lediglich aufgeworfen. Als ein Anwendungsfeld beschreibt Ernst natürlich insbesondere die Ökonomie. Die neoklassische Wirtschaftstheorie habe Ideen der Komplexitäts- oder Chaos-Theorie zu lange ignoriert. So erläutert der Autor die Erklärungsdefizite bisheriger Theorien am Beispiel der Kursschwankungen an der Börse, deren Indexe eben nicht, wie von klassischen Theorien angenommen, stabil um einen Mittelwert schwanken, und resümiert, „dass Kursschwankungen durch schwache Interaktion erklärt werden können“ (121). Angesichts dieser vielen Potenziale kritisiert Ernst, dass eine Auseinandersetzung mit der Komplexitätstheorie in der Linken kaum stattfinde. Die traditionelle Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft sowie von neoklassischer und marxistischer Ökonomie behindere eine fruchtbare Auseinandersetzung.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.422.22 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Gernot Ernst: Komplexität. Stuttgart: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29435-komplexitaet_34830, veröffentlicht am 03.06.2009. Buch-Nr.: 34830 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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