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/ 21.06.2013
Oliver Scheytt

Kulturstaat Deutschland. Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik

Bielefeld: transcript Verlag 2008 (xtexte); 307 S.; 27,80 €; ISBN 978-3-89942-400-3
Der Verfasser stellt eingangs fest, dass sich Kulturangebote angesichts von Globalisierung, Medialisierung und Pluralisierung nicht mehr an alle gleichermaßen richten, sondern zunehmend auf wechselnde Minderheiten in der Kulturgesellschaft orientiert sind. Somit gelte es, sich vom Bildungsbürgertum klassischer Prägung zu verabschieden und das Individuum als Kulturbürger zum Bezugspunkt von Kulturpolitik zu machen. Der Schlüssel dafür ist nach Scheytt der aktivierende Kulturstaat, der sich neue Steuerungsprioritäten setzt: „Der Kulturstaat agiert nicht nur für sich selbst und aus sich selbst heraus, sondern aktiviert weitere Akteure in der Gesellschaft“. Im Zentrum sollten „der Einzelne mit künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten“ (147) sowie die Bildung von Netzwerken stehen. Kulturpolitik müsse jedem Kulturbürger ermöglichen, die eigene Herkunft, die eigenen kulturellen Kompetenzen zu reflektieren und auszubauen. Scheytt setzt einen neuen Schwerpunkt jenseits der klassischen Debatte um Finanzierung, indem er formuliert: „Aktivierende Kulturpolitik operiert daher nicht nur mit Blick auf die Bereitstellung von Ressourcen und die Gestaltung von Recht“ (145). Es geht vielmehr darum, das Zusammenspiel aller Kulturakteure zu koordinieren, wobei der Kulturbürger auch finanzielle Mittel einbringt. Um all dies zu ermöglichen, bedürfe es einer Grundgesetzänderung, so der Autor. Denn das Verhältnis des Grundgesetzes zur Kultur sei noch unter dem Eindruck des Dritten Reiches geprägt worden. Die Freiheit von Kultur und Wissenschaft sowie die föderalistische Struktur sollten staatliche Einflussnahme, ja „Gleichschaltung“ erschweren. Daher habe man sich sehr zurückgehalten, weitgehende kulturelle Aufgaben zu formulieren. Die Signalwirkung einer schlichten Verfassungsergänzung wie „Der Staat schützt und fördert die Kultur“ wäre jedoch nach Scheytt bedeutend: „als Zielbestimmung für das politische Ermessen des Gesetzgebers ebenso wie als eine normative Richtlinie für verwaltungsrechtliche Ermessens- und gerichtliche Abwägungsentscheidungen“ (102).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3432.35 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Oliver Scheytt: Kulturstaat Deutschland. Bielefeld: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30146-kulturstaat-deutschland_35743, veröffentlicht am 10.02.2009. Buch-Nr.: 35743 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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