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/ 22.06.2013
Martin Sabrow (Hrsg.)

Leitbilder der Zeitgeschichte. Wie Nationen ihre Vergangenheit denken

Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2011 (Helmstedter Colloquien 13); 127 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-931982-71-3
Die Deutung von Geschichte findet stets von der Gegenwart her statt. Jede Geschichtsschreibung ist abhängig von den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit. Im Rahmen von sogenannten Meistererzählungen wird der Vergangenheit eine spezifische Sinnhaftigkeit zugewiesen. Auf den Helmstedter Universitätstagen im September 2010 untersuchten Historiker und Publizisten prominente Deutungsmuster in der deutschen, französischen und polnischen Öffentlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In seinem einleitenden Beitrag zeigt Herausgeber Sabrow auf, wie sich die Bezugspunkte solcher Deutungsmuster und ihre Interpretation ändern können. In der Entstehungsphase der deutschen Zeitgeschichtsforschung bildeten zunächst die Kriegsniederlagen 1918 und 1945 den Fluchtpunkt von Leitzählungen. Später nahm die „Machtergreifung“ von 1933 diesen Platz ein. Seit den 1960er-Jahren bildete die „Sonderwegs-These“ das Hauptparadigma. Deren Ausprägung in der Deutung der deutschen Geschichte als „Weg nach Westen“ analysiert der Tübinger Historiker Anselm Doering-Manteuffel. „Westen“ wird dabei als ein „politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Ordnungsmodell“ (25) mit den Werten „Freiheit, Selbstbestimmung und Fortschritt“ (26) aufgefasst. Unter dem Einfluss der alliierten Siegermächte und von Remigranten wurde diese bisherige „linksliberale Minderheitenposition“ (34), die zugleich streng antikommunistisch ausgerichtet war, erfolgreich in der Bundesrepublik implementiert. Damit ließ sich die Westintegration auch ideell begründen. Heute steht der Holocaust im Zentrum übergreifender Deutungsversuche. Der Frage, ob das gegenwärtige Europa eine Meistererzählung braucht, spüren Simone Lässig und Adam Krzeminski nach. Erstere sieht darin die Gefahr, die „Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts mit all ihren Verwerfungen zu reproduzieren“ (110). Letzterer sieht sie hingegen als „nicht nur denkbar, sondern sogar wünschenswert an“ (115) und erkennt mögliche Anknüpfungspunkte in einer Geschichte der Versöhnung und Vereinigung.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.232.352.3132.3142.613.1 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Martin Sabrow (Hrsg.): Leitbilder der Zeitgeschichte. Leipzig: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34242-leitbilder-der-zeitgeschichte_41095, veröffentlicht am 07.02.2013. Buch-Nr.: 41095 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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