/ 05.06.2013
Nils C. Bandelow
Lernende Politik. Advocacy-Koalitionen und politischer Wandel am Beispiel der Gentechnologie
Berlin: edition sigma 1999; 279 S.; 36,- DM; ISBN 3-89404-460-8Sozialwiss. Diss. Bochum; Gutachter: U. Widmaier, U. Lehmkuhl. - Der Diagnose der Kritik der Policy-Analyse folgend, daß situative Faktoren - sowohl stabile Präferenzen der Akteure als auch stabile politische Strukturen - nicht in der Lage sind, politischen Wandel überzeugend zu erklären, wendet sich Bandelow Überzeugungen, Informationen, Argumenten und Ideen als eigenständigen Faktoren politischer Prozesse und politischen Wandels zu, um einen Beitrag zur Entwicklung einer interpretativen Lerntheorie politischen Wandels zu leisten.
Hierzu isoliert der Autor zunächst aus dem Advocacy Coalition Framework (ACF) lerntheoretische Teile, die um Elemente aus Nullmeiers "wissenspolitologischem Ansatz" ergänzt werden und kommt so zu theoretischen Hypothesen einer interpretativen Lerntheorie, die den Hintergrund der empirischen Analyse bilden. In der Untersuchung zur Gentechnologiepolitik bestätigt Bandelow seine Hypothesen: Ausschlaggebend für den langfristigen politischen Wandel in diesem Bereich "war in erster Linie policy-bezogenes Lernen durch Teile der Politikeliten" (229), d. h. Aufgabe bestimmter konkreter Überzeugungen durch zusätzliche Informationen - in Abhängigkeit vom jeweiligen Denkmuster und Veränderung der Koalitionen durch policy-bezogene Informationen.
Die Konstruktion der interpretativen Lerntheorie beschränkt sich in ihrem Erklärungsanspruch ausdrücklich auf das Lernen einzelner Akteure, ihre Geltung für Organisationen wird ausgeschlossen. Um die entwickelte Theorie auf das Feld der politischen Maßnahmen zum Schutz vor Risiken der Gentechnologie anwenden zu können, hat der Autor empirische Daten erhoben (qualitative Interviews) und eine umfangreiche Analyse von Dokumenten vorgenommen. Letztere werden z. T. mit teilstandardisierten Verfahren ausgewertet und statistischen Prüfungen unterzogen.
Aus dem Inhalt: 2. Grundlagen und Hypothesen einer interpretativen Lerntheorie der Policy-Analyse: 2.1 Anknüpfungspunkte und Grenzen klassischer Modelle der Policy-Analyse; 2.2 Zur Bedeutung normativer und kognitiver Faktoren für den politischen Prozeß; 2.3 Kernaussagen des Advocacy Coalition Framework (ACF) und Grundlagen seiner lerntheoretischen Teile; 2.4 Vom ACF zu einer interpretativen Lerntheorie. 3. Forschungsstand zum politischen Wandel beim Schutz vor Risiken der Gentechnologie; 4. Begrenzte Reichweite policy-externer Erklärungen für den Wandel der Gentechnologiepolitik: 4.1 Stetiger politischer Wandel bei unsteten Rahmenbedingungen: Entwicklung des Politikfelds und erste Politikergebnisse bis 1990; 4.2 Vorübergehender Einfluß situativer Faktoren: Entstehung und Inhalt des ursprünglichen Gentechnikrechts; 4.3 Veränderte Rahmenbedingungen erklären die aktuelle Deregulierung zum Teil; 4.4 Zusammenfassung: Langfristige Tendenz nicht ausreichend mit policy-externen Faktoren zu erklären. 5. Langfristiger politischer Wandel durch policy-bezogenes Lernen: 5.1 Policy-bezogene Überzeugungen und Informationen als Faktoren der Deregulierung zwischen 1973 und 1983; 5.2 Policy-bezogene Überzeugungen und Informationen als Faktoren bei der Formulierung und Umsetzung eines verbindlichen Gentechnikrechts 1984-1991; 5.3 Policy-bezogene Überzeugungen und Informationen als Faktoren bei der Deregulierung des Gentechnikrechts ab 1992.
Christian Schütze (ChS)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 1.2 | 5.2 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Christian Schütze, Rezension zu: Nils C. Bandelow: Lernende Politik. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7871-lernende-politik_10443, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10443
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