/ 22.06.2013
Karl-Heinz Dellwo / Willi Baer (Hrsg.)
Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv III. Die Krebsfälle in der Elbmarsch/Der GAU in Fukushima
Hamburg: LAIKA Verlag 2012 (Bibliothek des Widerstands 23); 288 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-942281-02-7Der dritte Band zur Geschichte der AKW-Protestbewegung aus der Bibliothek des Widerstands (siehe Buch-Nr. 41703 und 42047) dokumentiert und beleuchtet die Vorkommnisse und Reaktionen auf die zahlreichen Skandale rund um sowohl das Kernkraftwerk Krümmel im norddeutschen Geesthacht wie auch die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011. Trotz der augenscheinlichen Unterschiedlichkeit der Ereignisse werden in den Darstellungen der Autorinnen und Autoren doch auch die erschreckenden Gemeinsamkeiten von Vertuschung, Behinderung von Aufklärung und Verharmlosung deutlich, wenn es um die tödlichen Nebeneffekte der Kernkraft geht. Der signifikante Anstieg von Leukämieerkrankungen bei Kindern in der Region um den Reaktor Krümmel zeigt den Beiträgen zufolge die Auswirkungen von Radioaktivität selbst bei störungsfreiem Normalbetrieb des Reaktors. Die Autoren gehen zudem davon aus, dass es 1986 zu einem Zwischenfall mit Austritt radioaktiver Strahlung gekommen ist (meist wird vermutet: auf dem Gelände des benachbarten GKSS-Forschungszentrums), der medial beschwichtigt worden sei, ebenso seien Ergebnisse von Untersuchungskommissionen verschleppt und Aufklärung verhindert worden, wie sich in der Rückschau von heute aus ergebe. So lassen sich laut der Darstellung im Buch bis heute in der Region keine gesicherten Untersuchungen durchführen, da diese von Betreibern und Landesregierung abgewehrt werden. Dies nehme im Kleinen vorweg, was in wesentlich größerem und katastrophalerem Ausmaß nach dem GAU in Fukushima passiert sei. So sei die, wie die verantwortlichen Betreiber schnell beteuert haben, unter Kontrolle gebrachte Situation nicht mehr als ein zynischer Euphemismus für „Vertuschung, Fälschung und organisierte Verantwortungslosigkeit“ (129). Neben der Chronologie der Ereignisse und verschiedenen Einschätzungen zu eventuellen Auswirkungen der Katastrophe zeichnen die Beiträge somit auch das Bild einer – wider besseren akademischen Wissens durchgesetzten – Politik der Profitinteressen, bei der absehbare Gefahren ignoriert wurden. Diese Einsichten zu nutzen, Lehren und Warnungen aus den sich scheinbar wiederholenden Fehlern zu ziehen, ist dabei nur ein Anspruch des Bandes. Als ein Zeitdokument systematischer Gegenöffentlichkeit hält der Band andere als die offiziellen Versionen der unschönen Wahrheiten fest und sichert sie gegen das Vergessen ab.
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.263 | 2.343 | 2.68 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Karl-Heinz Dellwo / Willi Baer (Hrsg.): Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv III. Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34696-lieber-heute-aktiv-als-morgen-radioaktiv-iii_41702, veröffentlicht am 08.11.2012.
Buch-Nr.: 41702
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B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
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