/ 22.06.2013
Wolfram Burckhardt (Hrsg.)
Luhmann Lektüren
Berlin: Kulturverlag Kadmos 2010 (Ableger 6); 159 S.; 10,- €; ISBN 978-3-86599-113-3Der Nachtflug der Eule der Minerva, der nun, da die Geräte zur Überwachung vorhanden seien, gewagt werden könne, steht als Metapher am Ende der „Sozialen Systeme“ Luhmanns und charakterisiert auch den Band mit Gedanken namhafter (System-)Theoretiker wie Norbert Bolz, Dirk Backer oder Hans Ulrich Gumprecht. Er enthält die Vorträge einer Vorlesungsreihe aus dem Jahr 1999 an der Universität Freiburg i. Br. im Gedenken an Luhmanns Tod – dazu zählt auch ein Text des inzwischen verstorbenen Dietrich Schwanitz. Mit dem Bild der Eule beendet Norbert Bolz seine Ausführungen zur „Phantomdebatte“ zwischen Luhmann und Habermas. Diese entstand, weil sich „kein dritter Weg zwischen kritischer Theorie und Systemtheorie“ (35) fand. So stützt sich der eine auf Systeme und Kommunikationen, während der andere die Sprache zur letzten sinnstiftenden Instanz erklärt. „Sprache als wahrheitsindifferenter Variationsmechanismus oder als Vehikel der Wahrheit, darum geht der Streit“ (40). Der von Habermas ins Feld geführte „Konsens ist Nonsens“ (41) – für Systemtheoretiker. Laut Habermas wird der Mensch von der System-Umwelt-Differenzierung durchtrennt und Humanität zur Antihumanität. Der zentrale Vorwurf lautet: Elimination der praktischen Vernunft. Präzise schält Bolz die beiden Theoriegebäude rund um „Lebenswelten“ (wiederum ein „Kampfbegriff“ Habermas') und „Operationen“ der Debattanten heraus. Dabei wird klar: Beide sind kaum einander anzunähern. Peter Fuchs hingegen stellt eine prognostische Frage nach der Systemtheorie im dritten Jahrtausend: Er liefert eine Einführung in die autopoietische Systemtheorie. So beinhalte diese als Einheit von Systemen „Kommunikation, die an Kommunikation anschließt“ (55); Zentral ist für ihn das Desiderat der „Drittheit“ (60): tertium non datur – etwas ist, oder etwas ist nicht – stehe überdies als Technik von Funktionssystemen zur Verfügung. Fuchs postuliert, dass das System als Konzept eine „Durchstreichung“ (69) erfahren wird – wie, das wissen nur Christian Morgenstern (Fuchs schließt mit einem seiner Gedichte) oder die „epoché“ (92), welche Peter Sloterdijk anführt und Denker, die „nach Luhmann“ (94) kommen mögen.
Isabelle Borucki (ISA)
Dr., Politikwissenschaftlerin (Soziologin, Philosophin), wiss. Mitarbeiterin SFB 600 Fremdheit und Armut, Institut für Politikwissenschaft, Universität Trier.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Isabelle Borucki, Rezension zu: Wolfram Burckhardt (Hrsg.): Luhmann Lektüren Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32499-luhmann-lektueren_38787, veröffentlicht am 07.09.2010.
Buch-Nr.: 38787
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., Politikwissenschaftlerin (Soziologin, Philosophin), wiss. Mitarbeiterin SFB 600 Fremdheit und Armut, Institut für Politikwissenschaft, Universität Trier.
CC-BY-NC-SA