/ 18.06.2013
Robert Kagan
Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt
Berlin: Siedler Verlag 2003; 127 S.; Ln., 16,- €; ISBN 3-88680-794-0Die Amerikaner stammen vom Mars, während die Nachkriegs-Europäer Geschöpfe der Venus sind: Mit dieser pointierten These, die er in einem Zeitschriftenaufsatz formulierte, erregte der Autor im vergangenen Jahr internationale Aufmerksamkeit. Sein schmales Buch ist die brillante Ausformulierung dieses Aufsatzes, eine prägnante, unangenehme Wahrheiten nicht verschweigende Darstellung der strategischen Zwänge, die derzeit das transatlantische Verhältnis prägen. Kagan vertritt die Meinung, dass eine „Psychologie der Abhängigkeit" (24) das europäisch-amerikanische Verhältnis während des Kalten Krieges charakterisierte und bis heute fortwirkt. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts begannen die strategischen Interessen beiderseits des Atlantiks jedoch auseinander zu driften. Der „unipolare Moment" (Charles Krauthammer) am Ende des Ost-West-Konflikts gab den USA einen viel größeren Gestaltungsspielraum für ihre Machtmittel und die Amerikaner waren im Einklang mit ihren geschichtlichen Erfahrungen der ständigen Machterweiterung dazu bereit, ihn auszunutzen. Der 11. September hat diese Tendenz nur verstärkt: „Amerika hat sich am 11. September nicht verändert. Es hat nur mehr zu sich selbst gefunden." (101) Die Legitimation für ihr Handeln nach außen suchten die Amerikaner - Kagan zufolge - letztlich nicht in internationalen Institutionen, sondern vielmehr in ihren eigenen Idealen. Der Glaube der Amerikaner an ihre besondere Stellung in der Welt und in der Geschichte ist für ihn eine Tatsache. Man komme nicht daran vorbei, sie anzuerkennen.
Die Europäer hingegen neigen in Kagans Sicht in ihrer Schwäche dazu, Probleme und Bedrohungen entweder kleinzureden oder sie gleich ganz zu ignorieren. Dies führe dazu, dass mittlerweile sogar die Frage, wie eine globale Ordnungspolitik überhaupt aussehen soll, ungeklärt sei. „Viele Europäer glaubten nach dem Ende des Kalten Krieges sich von der Strategie überhaupt beurlauben zu können." (31) Kagan konzediert zwar, dass die ablehnende Haltung der Europäer zur Machtpolitik nicht zuletzt eine Lehre aus der europäischen Geschichte ist. Gleichzeitig wirft er den Europäern jedoch auch ein übersteigertes Sendungsbewusstsein und die Tendenz vor, den Blick nach innen zu richten - ironischerweise Vorwürfe, die die Europäer oft den USA machen.
Kagan ist der Meinung, dass Europa sich an den Gedanken einer Doppelmoral gewöhnen muss: Nach innen Verrechtlichung, nach außen - wenn nötig - der Einsatz von Machtmitteln, wozu auch militärische Mittel gehören. Einen Königsweg, der aus den transatlantischen Differenzen herausführt, hat Kagan auch nicht parat. Er hofft einerseits auf die Einsicht der Europäer, dass sie ihre militärischen Fähigkeiten doch noch moderat aufbauen, aber dabei einsehen, dass die Vormachtstellung Amerikas dafür eine Vorbedingung ist. Andererseits erwartet Kagan jedoch von den Amerikanern, dass sie wieder zu der „intellektuellen Großzügigkeit" (120) zurückkehren, die ihre Politik während des Ost-West-Konflikts kennzeichnete. Partnerschaft wird hier als Gefolgschaft definiert. Kagans Perspektive ist so amerikanisch wie sie nur sein kann.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.2 | 4.21 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Robert Kagan: Macht und Ohnmacht. Berlin: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18799-macht-und-ohnmacht_21811, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21811
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M. A., Politikwissenschaftler.
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