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/ 21.06.2013
Witold Bereś / Krzysztof Burnetko

Marek Edelman erzählt. Aus dem Polnischen von Barbara Kulinska-Krautmann

Berlin: Parthas 2009; 688 S.; 24,- €; ISBN 978-3-86964-012-9
„Wenn du deinen Kopf beim Anblick des Bösen wegdrehst, dann siehst du es trotzdem. Nur bist du dann unfähig, zu helfen.“ (513) Edelman, der vor kurzem hochbetagt und hoch geehrt gestorben ist, hatte nie weggesehen und wie wohl nur wenige Menschen einen außergewöhnlichen Mut bewiesen – er war einer der Kommandanten des jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto. In dieser Biografie lassen ihn die Autoren erzählen, wie er wenigstens in Würde hatte sterben wollen, überlebte und, was ihm außerordentlich wichtig war, andere rettete. Bereś und Burnetko leisten aber noch mehr als die Darstellung dieser Biografie: An der Person Edelmans erzählen sie zugleich die jüngere jüdisch-polnische Geschichte, angefangen mit der antizionistischen jüdischen Vorkriegspartei „Bund“ über den vor und nach dem Krieg grassierenden polnischen Antisemitismus bis zur Gründung der Solidarność und der Demokratisierung des Landes. Edelman hatte das Kriegsende trotz des Glücks, überlebt zu haben, als Tag der Trauer erlebt: die polnischen Juden waren ausgelöscht, die wenigen Überlebenden emigrierten meist. Edelman aber sah immer nur Polen als seine Heimat an und wollte nie Diktatur und Antisemitismus das Feld überlassen. Also blieb er, studierte Medizin und wurde ein Herzspezialist, der von den Kommunisten von Anfang an als einer der Hauptfeinde der Volksrepublik ausgemacht wurde. Ganz unrecht hatten sie nicht, war doch Edelman aufgrund seiner Vergangenheit als Kommandant des Aufstandes und Teilnehmer am späteren Warschauer Aufstand fast unantastbar – und keinesfalls gewillt, seine schon vor dem Krieg erworbenen Vorstellungen von einem besseren Polen aufzugeben. Edelman gehörte denn auch zu den Mitbegründern der Solidarność und war in deren ersten Schattenkabinett vertreten. Später richtete sich sein Blick auch über die Grenzen des nun demokratischen Polens hinaus, er setzte sich für den Kosovo ein – nie wieder, so seine in diesem bewegenden Buch noch einmal wiederholte Argumentation, dürfe Europa der Unterdrückung einer Minderheit tatenlos zusehen. Die Autoren zeigen, wie Edelman damit das heutige Selbstverständnis Europas entscheidend mitprägte.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.12.612.3124.12.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Witold Bereś / Krzysztof Burnetko: Marek Edelman erzählt. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31262-marek-edelman-erzaehlt_37186, veröffentlicht am 01.12.2009. Buch-Nr.: 37186 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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