/ 21.06.2013
Ulrike Müller
Migration und Lokalpolitik. Ethnographie eines Ausländerrates
Berlin: Lit 2007 (EuroMed. Studien zur Kultur- und Sozialanthropologie des euromediterranen Raumes 3); 122 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8258-6975-5Die Arbeit von Ulrike Müller ist ein sehr ungewöhnliches Buch. Sie betrachtet ein politikwissenschaftliches Themenfeld, die politischen Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen ohne deutschen Pass, aus ethnologisch-ethnografischer Perspektive. Am Beispiel des Ausländerrates einer südwestdeutschen Mittelstadt zeigt sie, wie sich der langjährige Ausschluss von Migrantinnen und Migranten aus lokalpolitischen Entscheidungsprozessen und die Einrichtung von Sondergremien wie Ausländerräten auf die Einstellungen und das Handeln lokaler Akteure auswirken. Sie verbindet so makropolitische Fragestellungen (z. B an welchen Kriterien sich politische Beteiligung im Nationalstaat orientieren soll) mit ethnografischen Analysen der Mikroebene. Sondergremien wie Ausländerräte, so Müller, führen nicht zu einer politischen Integration von Menschen ohne deutschen Pass, sondern fördern vielmehr durch ihre Orientierung an nationalstaatlichen Kategorien ohne Berücksichtigung lebensweltlicher Zugehörigkeit eine Fremd- und Selbstethnisierung. Als Kulturwissenschaftlerin ist es Müller gelungen, aufzuzeigen, dass diese Entwicklung nicht Folge kultureller oder ethnischer Differenzen ist, sondern vielmehr die Auswirkung einer antagonistischen „Ausländerpolitik“, in der die Strukturen politischer Beteiligung sich immer stärker von den komplexen Realitäten des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten entfernen. Auch das Kommunalwahlrecht für EU-Bürger löst diesen Konflikt nicht auf, sondern verstärkt ihn vielmehr durch die Fragmentierung der Migranten in solche mit und ohne (lokal-)politische Partizipationsmöglichkeiten. Wie jede ethnografische Arbeit ist auch diese eine „Momentaufnahme“. Neuere Entwicklungen wie die Einrichtung ernannter internationaler Ausschüsse statt gewählter Ausländerräte werden kaum berücksichtigt, allerdings steckten sie zum Zeitpunkt von Müllers Forschung noch in den Anfängen. Durch die spannende und lesbare Darstellung empfiehlt sich dieses Buch Wissenschaftlern, Praktikern und auch Laien mit Interesse am Themenfeld zwischen Migration und Politik.
Barbara Mück (MUE)
M. A., wiss. Mitarbeiterin, Zentrum Operative Information, Bundeswehr (ehemals BS, Barbara Schacke).
Rubrizierung: 2.331 | 2.325 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Barbara Mück, Rezension zu: Ulrike Müller: Migration und Lokalpolitik. Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29174-migration-und-lokalpolitik_34480, veröffentlicht am 02.09.2008.
Buch-Nr.: 34480
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M. A., wiss. Mitarbeiterin, Zentrum Operative Information, Bundeswehr (ehemals BS, Barbara Schacke).
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