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/ 21.06.2013
Wolfram Wette

Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur

Darmstadt: Primus Verlag 2008; 309 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-89678-641-8
Wettes Studie reicht sowohl über die bloße Begriffsklärung als auch über eine rein deskriptive Darstellung der deutschen Militärgeschichte weit hinaus. Unter der Chiffre „Militarismus ist die Geistesverfassung des Nichtmilitärs“ (9) wird uns eine Schrift präsentiert, die dieses für das Verständnis der jüngeren deutschen Geschichte so zentrale Phänomen umfassend zu klären versucht. Wette hebt dabei vor allem die geistige Durchdringung der Gesellschaft hervor, die weder an der Geschlechtergrenze noch an Parteibindungen oder Klassenschranken haltgemacht hat. So thematisiert der Autor nicht nur die Rolle des staatstragenden Berufsoffiziers, das Prestige des bürgerlichen Reserveoffiziers und den Anteil der Kriegervereine an der Verbreitung militärischen Geistes im Volke, sondern zugleich auch die ambivalente Haltung der Sozialdemokratie sowie die Bedeutung der Frauen als moralische Stützen ihrer männlichen Helden und als Rückgrat der Rüstungsindustrie. Dass dieser Militarismus längst nicht von allen Deutschen getragen wurde, ist auch ein Thema in der „Geschichte einer kriegerischen Nation”. Die zeitgenössische Kritik am Freund-Feind-Denken im Kaiserreich findet ebenso Aufnahme wie die antimilitaristische Stoßrichtung während der Weimarer Zeit. Das Buch präsentiert sich so als ausgewogene und kritische Zusammenfassung einer soziokulturellen Erscheinung, die mit dem Nationalsozialismus ihr Ende gefunden zu haben scheint. Da „Kriege [...] am Beginn und am Ende des ersten deutschen Nationalstaats [standen]” (16), konzentriert sich der Autor so auch im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1871 und 1945, der er eine Vorgeschichte des preußischen Militarismus voran- und einen Ausblick auf die Entwicklung in der jungen Bundesrepublik Deutschland nachschickt. Dass er dabei die Schlacht von Tannenberg ins Jahr 1915 verlegt, sei ihm verziehen. Es bleibt zu hoffen, dass er sich bald selbst dem von ihm erkannten Fehlen eines Vergleichs internationaler militaristischer Entwicklungen zuwenden wird.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.312.324 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Darmstadt: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29888-militarismus-in-deutschland_35409, veröffentlicht am 09.12.2008. Buch-Nr.: 35409 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA