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/ 22.06.2013
Oliver Kozlarek

Moderne als Weltbewusstsein. Ideen für eine humanistische Sozialtheorie in der globalen Moderne

Bielefeld: transcript Verlag 2011 (Der Mensch der Kulturen. Humanismus in der Epoche der Globalisierung 14); 321 S.; kart., 31,80 €; ISBN 978-3-8376-1696-5
Die moderne Soziologie, so der Ausgangspunkt des Buches, vergisst in ihren Auseinandersetzungen mit Akteuren, Gesellschaften, Systemen etc. oftmals den Menschen und dessen Erfahrungen. Zugleich – und das ist vielleicht der Ursprung dieses konstatierten Mankos – lässt sich ein starker (insbesondere europäischer) Provinzialismus beobachten, der gleichsam implizit für sich beansprucht, weltumfassend für alle Regionen, Individuen und Gemeinschaften gültig zu sein. Diese Argumentation und die sich daraus ergebenden Probleme entwickelt Kozlarek zunächst am Beispiel der klassischen Modernisierungstheorien und ihrer Kritiker (Postmodernismus, Globalisierungsdebatte, Postkolonialismus etc.). Auch die kritische Theorie, deren Tradition sich der Autor verpflichtet fühlt, konnte diesen Provinzialismus trotz aller anderslautenden Selbstansprüche und Bekundungen nie ablegen. All diesen Ansätzen stellt Kozlarek vor allem zwei Begrifflichkeiten gegenüber, auf deren Grundlage sich die Soziologie (und allgemein die Sozialwissenschaften) theoretisch wie empirisch stärker für andere – nicht-europäische – Erfahrungen öffnen könnten. Dies ist zum einen der – auf Alexander von Humboldt beruhende – Anspruch des Weltbewusstseins, der „dazu [auffordert, die] unterschlagenen Erfahrungen von Menschen überall auf der Erde in den Blick zu bekommen, um von ihnen zu lernen“ (16). Darauf aufbauend diskutiert der Autor zweitens die Schriften des mexikanischen Nobelpreisträgers Octavio Paz und führt dessen Begriff der poetischen Erfahrung ein. Eine in diesem Sinne poetische Soziologie der globalen Moderne verbindet dann drei konstitutive Erfahrungsdimensionen – nämlich die Erfahrung des Menschen (a) in der globalen Moderne, (b) als Menschen und (c) mit einer jeweils besonderen Moderne. Hier soll es nun nicht um die Entwicklung einer neuen – und letztlich wiederum geschlossenen, provinzialistischen – Theorie gehen; der Autor versucht vielmehr zu zeigen, wie sehr die Soziologie durch den Einbezug von Denkweisen und Erfahrungen aus anderen Teilen der Welt profitieren kann. In diesem Sinne verzichtet Kozlarek auch auf ein wirkliches Schlusswort und versteht sein Buch eher als Beitrag in einem noch zu vertiefenden Selbstreflexionsprozess der gegenwärtigen Sozialwissenschaften.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.422.2 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Oliver Kozlarek: Moderne als Weltbewusstsein. Bielefeld: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34735-moderne-als-weltbewusstsein_41751, veröffentlicht am 23.02.2012. Buch-Nr.: 41751 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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