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/ 21.06.2013
Juliane Haubold-Stolle

Mythos Oberschlesien. Der Kampf um die Erinnerung in Deutschland und in Polen 1919-1956

Osnabrück: fibre 2008 (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau 14); 518 S.; 35,- €; ISBN 978-3-938400-39-5
Phil. Diss. Göttingen; Gutachter: B. Weisbrod, R. v. Thadden. – Die Autorin deutet Oberschlesien als eine einst multiethnische Region, deren Menschen von der Politik gezwungen wurden, sich für eine nationale Seite zu entscheiden. Vor 1921 war es vor allem eine individuelle Entscheidung gewesen, ob ein Oberschlesier sich auch als Pole oder Deutscher verstehen wollte. Lange zum protestantischen Preußen gehörend, definierte man sich eher über den Katholizismus, so Haubold-Stolle. Sie verweist allerdings auf die sozialen Unterschiede, die sich oftmals sprachlich manifestierten und die schließlich zum politischen Instrument wurden: Die reicheren Oberschlesier sprachen meist deutsch, die ärmeren Arbeiter und Bauern polnisch, die Juden wiederum schlossen sich der deutschen Kultur an. Das Mit- und Nebeneinander wurde nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Druck des von den Siegermächten angesetzten Referendums über die staatliche Zugehörigkeit zu einer politischen und teilweise gewalttätig ausgetragenen Konfrontation. Die Deutschen warben mit der Kulturträgertheorie um Stimmen, wobei sie die Polen als kulturlos schmähten, die Polen verwiesen auf die Frühzeit und das Mittelalter, als Oberschlesien polnisch dominiert gewesen war. Die Zuschreibung der Region als integraler Teil des jeweils eigenen Landes wurde nach der erfolgten Teilung schnell zum innenpolitischen Instrument – man warb auf beiden Seiten mit dem Mythos Oberschlesien als altes Kulturland in den Hauptstädten um finanzielle Unterstützung. Die Autorin schildert, wie die Nationalsozialisten diesen Mythos zur Vorbereitung des Angriffskrieges nutzten. Die kommunistische Regierung Polens wiederum versuchte nach 1945 ihre Herrschaft mit dem Hinweis auf die Rückgewinnung der Region zu legitimieren. Ein schlechtes Zeugnis bekommen auch die Vertriebenenfunktionäre ausgestellt, die nach 1945 die Geschichte weiter nationalstaatlich verengten, die Oberschlesier nur als Opfer sahen und die Frage der deutschen Schuld lange ausklammerten. Diese Haltung habe dazu beigetragen, dass Schlesien heute in Deutschland eine fast vergessene Region sei.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22.222.612.3112.3122.3132.331 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Juliane Haubold-Stolle: Mythos Oberschlesien. Osnabrück: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29931-mythos-oberschlesien_35466, veröffentlicht am 24.03.2009. Buch-Nr.: 35466 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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