/ 20.06.2013
Harald Fühner
Nachspiel. Die niederländische Politik und die Verfolgung von Kollaborateuren und NS-Verbrechern, 1945-1989
Münster u. a.: Waxmann Verlag 2005 (Niederlande-Studien 35); 471 S.; geb., 39,90 €; ISBN 3-8309-1464-4Diss. Zentrum für Niederlande-Studien Münster; Gutachter: F. Wielenga, P. Romijn. – Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in den Niederlanden mehr als 100.000 Männer und Frauen wegen Kriegsverbrechen und/oder Kollaboration mit den deutschen Besatzern inhaftiert. Ihre Verurteilung sollte im Rahmen einer „Bijzondere Rechtspleging“ erfolgen. Der Autor beschreibt, wie dieses Ansinnen schnell mit den allgemeinen Notwendigkeiten der Nachkriegsgesellschaft kollidierte und die allgemeinen gesellschaftlichen Bedürfnisse eine übergeordnete Bedeutung erhielten. So habe die Regierung trotz des allgemeinen Verlangens nach Bestrafung der Verbrecher und Kollaborateure vermeiden wollen, eine Kaste von bis zu 500.000 Ausgestoßenen (Inhaftierte und ihre Angehörige) entstehen zu lassen. Sie hätte einen enormen Sprengstoff für die niederländische Gesellschaft bedeutet. In großer Zahl seien Inhaftierte deshalb als Fälle leichteren Vergehens eingestuft und entlassen worden. Allerdings habe die Regierung dafür mit dem Begriff der Barmherzigkeit geworben, was in der Öffentlichkeit den falschen Eindruck hinterlassen habe, diese stehe in einem Gegensatz zu einer gerechten Bestrafung. Auch der Verzicht auf öffentliche Verfahren im Zuge der „Bijzondere Rechtspleging“ habe zu Unrecht den Verdacht erweckt, „dass in Hinterzimmern die Gerechtigkeit ausgehebelt werde“ (436). So habe die Sonderrechtsprechung nicht die Katharsis bewirken können, die sich vor allem der Widerstand von ihr erhofft habe. Fühner beschreibt im Zusammenhang mit der Sonderrechtsprechung, wie unterschiedlich die Besatzungszeit in verschiedenen Phasen der Nachkriegszeit wahrgenommen wurde, außerdem die Selbststilisierung der Gesellschaft als ein einig Volk von Widerstandskämpfern und die daraus resultierenden Probleme hinsichtlich eines angemessenen Umgangs mit den letzten deutschen inhaftierten Kriegsverbrechern. Deren Todesstrafen waren in lebenslange Haft umgewandelt worden, 1989 wurden sie begnadigt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.312 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Harald Fühner: Nachspiel. Münster u. a.: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23724-nachspiel_27262, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 27262
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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