/ 18.06.2013
Burkhard Jellonnek / Rüdiger Lautmann (Hrsg.)
Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2002; 428 S.; kart., 34,80 €; ISBN 3-506-74204-3Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus wurden in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg tabuisiert und ignoriert. Erst im Dezember 2000 beschloss der Deutsche Bundestag die Rehabilitierung der Opfer. Der Stand der öffentlichen Debatte spiegelt sich in der Bereitschaft zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung wider: Innerhalb der Geschichtswissenschaft wurde das Thema allenfalls am Rande wahrgenommen. Stattdessen entwickelte sich eine Art subkultureller Geschichtsschreibung, bei der sich Homosexuelle selbst mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Nur langsam gelangt das Thema zur Normalität historischer Forschung. Dass Fortschritte gemacht werden, ist allerdings angesichts einer Reihe hervorragender Arbeiten auf dem Gebiet unverkennbar; der Sammelband markiert einen weiteren Schritt in diese Richtung. Er beinhaltet einen umfassenden Querschnitt über den aktuellen Stand der Forschung in diesem Bereich. Bis zu einem gewissen Grad spiegeln die mehr als zwanzig Beiträge aus den Gebieten der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaft, Medien- und Rechtswissenschaft auf ihre jeweils eigene Weise die Kernfrage dieses Themas wider: Kommt der Homosexuellenverfolgung im Nationalsozialismus ein Sondercharakter zu oder handelt es sich mehr um den Ausbruch einer übersteigerten Homophobie, gespeist aus dem Vorurteilskonsens nahezu aller Schichten der Gesellschaft in den Jahrzehnten zuvor?
Inhalt: Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich: Wolfgang Benz: Im Schatten des Holocaust. Späte Wahrnehmung nichtjüdischer Opfer und der Platz der Homosexuellen in der Erinnerung (27-40); Rüdiger Lautmann: Geschichte und Politik. Paradigmen der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung (41-54); James D. Steakley: Selbstkritische Gedanken zur Mythologisierung der Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich (55-68). Frauenliebe im Dritten Reich: Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Zur Situation lesbischer Frauen im Nationalsozialismus (71-81); Angela H. Mayer: "Schwachsinn höheren Grades". Zur Verfolgung lesbischer Frauen in Österreich während der NS-Zeit (83-93). Der Homosexuelle und die nationalsozialistische Gesellschaft: Georg Hansen: Homosexuellenphobie als Teil staatlicher Sündenbockproduktion (97-104); Geoffrey J. Giles: Männerbund mit Homo-Panik: Die Angst der Nazis vor der Rolle der Erotik (105-118); Harry Oosterhuis: Medizin, Männerbund und die Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich (119-126); Manfred Herzer: Schwule Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Neue Studien zu Wolfgang Cordan, Wilfried Israel, Theodor Haubach und Otto John (127-146). Polizei und Justiz: Burkhard Jellonek: Staatspolizeiliche Fahndungs- und Ermittlungsmethoden gegen Homosexuelle (149-161); John C. Fout: Homosexuelle in der NS-Zeit: Neue Forschungsansätze über Alltagsleben und Verfolgung (163-172); Johannes Wasmuth: Strafrechtliche Verfolgung Homosexueller in BRD und DDR (173-186). Medizin und Psychiatrie: Marc Dupont: Biologische und psychologische Konzepte im "Dritten Reich" zur Homosexualität (189-207); Günter Grau: "Unschuldige Täter". Mediziner als Vollstrecker der nationalsozialistischen Homosexuellenpolitik (209-235); Peter von Rönn: Das Homosexualitätskonzept des Psychiaters Hans Bürger-Prinz im Rahmen der NS-Verfolgungspolitik (237-260); Pieter Koenders: Die Bekämpfung der Homosexualität in den besetzten Niederlanden (263-272); Mario Kramp: Homosexuelle im besetzten Frankreich 1940-1944/45. Fragmente einer noch zu schreibenden Geschichte (273-298). Wiedergutmachung an homosexuellen NS-Opfern in der Bundesrepublik Deutschland: Rüdiger Lautmann: Die Politik des Vergessens - die Arbeit des Erinnerns (301-315); Rainer Herrn: Sexualwissenschaft und -politik bei Magnus Hirschfeld (317-228); Hans-Georg Stümke: Wiedergutmachung an homosexuellen NS-Opfern von 1945 bis heute (329-338); Jörg Hutter: Zum Scheitern der Politik individueller Wiedergutmachung (339-355). Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit: Thomas Rahe: Vergessen und unterschlagen? Die Darstellung des Schicksals homosexueller Häftlinge in den deutschen KZ-Gedenkstätten (359-370); Albert Eckert: Die Erinnerung an die Verfolgung Homosexueller und der Streit um das Berliner Holocaust-Mahnmal. Ist Schwarzfahren schlimmer als das Diskriminieren Homosexueller? Unfertige Gedanken über das Erinnern und Gedenken (371-377); Stefan Micheler / Moritz Terfloth: Aus den Mühlen der Justiz in den Reißwolf des Archivs. Der Umgang des Hamburger Staatsarchivs mit Strafverfolgungsakten von NS-Opfern (379-388); Lutz van Dijk: Die Folgen des Schweigens - für unmittelbar Betroffene, die historische Forschung sowie jüngere Generationen von Schwulen und Lesben (389-395); Klaus Müller: Totgeschlagen, totgeschwiegen? Das autobiographische Zeugnis homosexueller Überlebender (397-418).
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Burkhard Jellonnek / Rüdiger Lautmann (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Paderborn u. a.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17074-nationalsozialistischer-terror-gegen-homosexuelle_19635, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19635
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M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
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