/ 11.06.2013
Thomas Rentsch
Negativität und praktische Vernunft
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1463); 382 S.; 26,80 DM; ISBN 3-518-29063-0Die Gebrochenheit menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses, das Faktum der Negativität und ihre Erfahrung als Entzogenheit des Anderen sieht der Autor nicht "negativ", sondern begreift sie als Chance zu einer konstruktiven Neubestimmung der Ethik. Nicht die substanzialistische Verengung auf je verschiedene Elementarphänomene des Negativen wie etwa Schmerz (Hegel), Angst (Kierkegaard), Entfremdung (Marx), Psychosen (Freud) oder Todesangst (Heidegger), sondern eine Negativitätsreflexion in kommunikativer Einbettung unter dem Primat praktischer Vernunft steht im Zentrum seiner Analyse. In ihrer Unverfügbarkeit erweisen sich existenziale wie kategoriale Grenzen gerade als Möglichkeitsbedingungen von Sinn und führen so in praktisch verstandener Intersubjektivität zur Abkehr vom metaphysischen Essenz-Denken menschlichen Seins und Sollens, einem abstrakten Normativismus wie auch von einer systemischen Imperativen funktional eingepassten Ethik und hin zur Konstitution von Moralität auf dem Feld der Kontingenz: Von der Transzendenz zur Kontingenz. Die Untersuchung im ersten, systematischen Teil tastet sich gleichsam von den Seiten (Auseinandersetzungen mit Heidegger, Nietzsche etc., wo Negativität konstatiert wird) zur Mitte, dem Raum der Vermittlung, der Differenz vor, wo in kritischer Reflexion eine kommunikativ geleitete Konstitutionsanalyse anschließt. In einem zweiten Teil schließen sich Interpretationen zu Kerntexten negativen Denkens an.
Aus dem Inhalt: 1. Ethik, Anthropologie, Sozialphilosophie - Zur Systematik negativen Denkens: 1. Interexistentialität. Zur Transformation der existentialen Analytik Heideggers; 4. Die Kultur der Differenz. Negative Ethik, Relativismus und die Bedingungen universalistischer Rationalität; 5. Unmöglichkeit und Selbsttranszendenz der Gerechtigkeit; 6. Die Konstitution der Konstitution. Rechtsphilosophische Bemerkungen zur Legitimation des Grundgesetzes; 7. Altern als Werden zu sich selbst. Philosophische Anthropologie und Ethik der späten Lebenszeit; 8. Religiöse Vernunft: Kritik und Rekonstruktion. Systematische Religionsphilosophie als kritische Hermeneutik. 2. Hegel, Adorno, Wittgenstein - Zur Geschichte negativen Denkens.
Dirk Märten (DM)
Rubrizierung: 5.42 | 5.44 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Dirk Märten, Rezension zu: Thomas Rentsch: Negativität und praktische Vernunft Frankfurt a. M.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10943-negativitaet-und-praktische-vernunft_12939, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12939
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