/ 07.06.2013
Kalle Lasn
No more Bullshit. Das Occupy-Manifest für die 99 Prozent. Lehrbuch der realen Ökonomie. Hrsg. von Darren Fleet. Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl und Joannis Stefanidis
München: Riemann Verlag 2012; 400 S.; geb., 29,99 €; ISBN 978-3-570-50145-0„Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften ist organisiert wie ein Polizeistaat“, behauptet der Dokumentarfilmer Kalle Lasn, der zusammen mit dem Anthropologen David Graeber als Initiator von Occupy Wall Street gilt. Ob dieses Befundes ruft er die „Studenten da draußen“ in diesem seitenzahlenlosen Buch dazu auf, Provokateure und Agitatoren für eine bessere Welt zu werden. Lasns Glaubwürdigkeit in der Beurteilung der wirtschaftswissenschaftlichen Zunft wird allerdings schon auf der nächsten Seite und vielen der folgenden gründlich untergraben – erst berichtet Luke Sherlock, der in Oxford an der Universität lehrt, von den erhellenden Vorlesungen eines marxistisch denkenden Professors, dann kommen zahlreiche Ökonomen zu Wort, die schon seit Jahren gegen den neoliberalen Mainstream arbeiten. Dazu zählt etwa Julie Matthaei, die als Professorin des Wellesley College ausdrücklich deshalb berufen wurde, um sogenannte konkurrierende ökonomischen Paradigmen zu unterrichten. Und das Kapitel über „Pioniere, auf denen wir aufbauen können“, beginnt mit Porträt und Zitat von John Maynard Keynes. Auffällig ist, dass in den Ein‑ und Überleitungstexten, die mit Adbusters (für „Adbusters Media Foundation“, einer von Lasn mitgegründeten konsumkritischen Organisation) gekennzeichnet sind, nicht zwischen (Wirtschafts‑)Politik und (Wirtschafts‑)Theorie unterschieden wird. Es scheint, als würden die Ökonomen (welche überhaupt genau?) eins zu eins in Haftung genommen für alles Übel in der Welt – für Armut und Hunger, die Zerstörung der Natur und falsches Konsumverhalten. Letzteres sollte nach Lasns Meinung wohl eher so gestaltet sein, wie es Ernst Friedrich Schumacher – der nebenbei bemerkt nicht nur „Small is beautiful“ schrieb, sondern auch lange die britische Regierung beriet – schließlich hielt: „Gegen Ende seines Lebens setzte Schumacher seine Prinzipien praktisch um. Er buk zum Beispiel den wöchentlichen Brotbedarf seiner Familie aus biologisch angebautem Weizen, den er auf einer Handmühle selbst mahlte.“ Ganz so einfach dürfte die Rettung der Welt nicht werden, was Lasn nicht daran hindert, wiederholt zum Protest aufzurufen. Eine Reflexion allerdings über die Frage, warum die Occupy‑Bewegung schnell wieder bedeutungslos geworden ist, bleibt aus. Aber auch wenn der Autor damit nervt, die Leser kumpelhaft anzusprechen und zugleich ein schlechtes Gewissen machen zu wollen, ist das Buch von einer anderen Seite aus betrachtet sehr gelungen – als künstlerisch durchaus ambitioniertes Sample aus Fotos, Grafiken und Texten über einige wirtschaftliche und sonstige Schieflagen und Krisen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 4.43 | 4.45 | 5.42 | 5.43
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Kalle Lasn: No more Bullshit. Das Occupy-Manifest für die 99 Prozent. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9226-no-more-bullshit-das-occupy-manifest-fuer-die-99-prozent_43188, veröffentlicht am 21.02.2013.
Buch-Nr.: 43188
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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