/ 22.06.2013
Oskar Negt
Nur noch Utopien sind realistisch. Politische Interventionen
Göttingen: Steidl 2012; 321 S.; 34,- €; ISBN 978-3-86930-515-8Politische Interventionen können höchst unterschiedlicher Art sein. Und Oskar Negt gehört zu den Intellektuellen, die die Breite akademischen Handelns quasi idealtypisch repräsentieren. So muss es auch nicht weiter verwundern, dass dieser Band in drei höchst unterschiedliche Abschnitte aufgeteilt ist. Von großer Tiefe, aber auch bisweilen wunderbarer Leichtigkeit ist der erste Teil, der die theoretischen Grundlagen seines politischen Denkens enthält. Hier nimmt Negt eine Metaperspektive ein, indem er wichtige utopische Denkschemata diskutiert, ohne selbst einen Beitrag zur Utopieforschung zu leisten. Ihm gelingt es so, die von ihm in mehreren anderen Schriften bereits ausgeführten Widersprüchlichkeiten der Gesellschaft, aber auch die in ihr schlummernden kollektiven und individuellen Möglichkeiten komprimiert zusammenzufassen. Seinen besonderen Reiz erhält die Lektüre insbesondere dadurch, dass eine disziplinäre Zuspitzung schlicht nicht möglich ist und die Stärke seines universellen Denkens deutlich hervortritt. Der zweite Teil enthält Kurzinterventionen aus Funk und Zeitungen der Jahre 1992 bis 1995 und 2003 bis 2005, die einen exemplarischen Überblick der publizistischen Tätigkeit vermitteln. In ihnen werden die zentralen Anliegen Negts, ausgehend von unterschiedlichsten politischen und Alltagsgegebenheiten, deutlich. Diese werden dann im abschließenden dritten Teil in einzelnen Handlungsfeldern gleichermaßen konkretisiert wie theoretisch eingepasst. Für Negt-Kenner wenig überraschend werden hier Gedanken der Antike, von Kant, Hegel und Marx sowie der Frankfurter Schule gekonnt miteinander versponnen und zu aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Familie, Wirtschaft, Theater und Demokratie in Beziehung gesetzt. Den besonderen Wert erhalten seine Gedanken durch einen bewundernswerten Zweckoptimismus und seine andauernde Bereitschaft zur Aufrüttlung scheinbar festgefahren geglaubter Verhältnisse. „Es ist eben ein individualistischer Selbstbetrug des Menschen, wenn sie sich einreden, es komme auf den Einzelnen nicht an.“ (23)
Thorsten Schumacher (THS)
M. A. (Politikwissenschaft, Philosophie, Öffentliches Recht), Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
Rubrizierung: 1.3 | 5.1 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Thorsten Schumacher, Rezension zu: Oskar Negt: Nur noch Utopien sind realistisch. Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35464-nur-noch-utopien-sind-realistisch_42752, veröffentlicht am 17.01.2013.
Buch-Nr.: 42752
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M. A. (Politikwissenschaft, Philosophie, Öffentliches Recht), Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
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