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/ 17.06.2013
Eric Voegelin

Ordnung und Geschichte. Band VII: Aristoteles. Hrsg. von Peter J. Opitz. Aus dem Englischen von Helmut Winterholler

München: Wilhelm Fink Verlag 2001 (Periagoge); 190 S.; Ln., 24,54 €; ISBN 3-7705-3586-3
Die Herausgeber der deutschen Übersetzung von Voegelins Monumentalwerk "Ordnung und Geschichte", Opitz und Herz, legen hier den siebten von insgesamt zehn Bänden vor, der in der amerikanischen Originalausgabe dem zweiten Teil des dritten Bandes entspricht ("Plato and Aristotle", Louisiana State University Press, Baton Rouge, 1957/1985). Mit diesem Werk intendiert Voegelin mehr als eine Geschichte der politischen Philosophie: "Die 'Philosophien' der Ordnung dürfen nicht für bare Münze genommen werden, sondern sie müssen kritisch geprüft werden unter dem Gesichtspunkt, ob die verwendeten Symbole ihre ursprüngliche Bedeutung behalten haben als Symbole, die die Erfahrung der transzendenten Quelle der Ordnung zum Ausdruck bringen, oder ob sie als topoi der Spekulation benutzt werden für Absichten, die sich beträchtlich von der platonischen Liebe zum göttlichen Maß unterscheiden." (22) Das Ziel ist der Nachvollzug der ursprünglichen existenziellen Transzendenzerfahrung, die in der jüdischen Religion (Band 2 und 3: Israel und die Offenbarung) und in der platonischen Philosophie (Band 6: Platon) in Mythen und Symbolen zum Ausdruck gebracht wird. Diese Erfahrung bildet die geistige Quelle politischer Ordnung; werden die Symbole jedoch zu bloßen Begriffen und zu Objekten der Spekulation, so ist auch die politische Ordnung gefährdet und der Streit um die Begriffe ruft die "welthistorischen Konflikte" (21) hervor. Die "Entgleisung" (19), die dieser Übergang von der ordnungsstiftenden Transzendenzerfahrung zur ordnungsgefährdenden begrifflichen Spekulation darstellt, deutet sich nach Voegelin bereits in Platons Spätwerk an, wird aber vollends erst von Aristoteles vollzogen. Platon strebte nach der geistigen Erneuerung der politischen Ordnung Griechenlands auf der Grundlage der Einsicht in die "Ordnung der philosophischen Seele" (113). Aristoteles hingegen trennte die philosophische Anthropologie von der Politik. In seinem Streben nach Wirklichkeitsbezug und Differenzierung entwickelte er die philosophische Anthropologie zu einer Handlungstheorie ("Nikomachische Ethik") und verselbständigte zugleich die Politik: "Die [...] Wissenschaft der Politik [...] war auf dem Wege, eine unabhängige Kunst des Entwerfens von Einrichtungen zu werden, die unter den gegebenen Verhältnissen die Gefahr von Revolutionen möglichst gering halten sollten. Noch wurden all diese zentrifugalen Tendenzen aber durch die Idee der 'besten Polis' zusammengehalten, d. h. durch den intellektualisierten Restbestand von Platons guter Polis." (113) Voegelins Analyse des politischen Denkens von Aristoteles zeigt, dass das moderne Verständnis von Politikwissenschaft als Analyse von Machtbalancen und Machtkämpfen nicht erst von Machiavelli und Hobbes stammt, sondern bereits bei Aristoteles angelegt ist und dass diesem Denken eine "Entgleisung" zugrunde liegt. Um diese Entgleisung zu überwinden, ist es erforderlich, das aristotelische Denken zum platonischen Verständnis von geistiger und politischer Ordnung hin zu transzendieren und der politischen Wissenschaft damit den Rang einer Geisteswissenschaft zurückzugeben. Dieses Anliegen ist angesichts der aktuellen Entwicklung der (Politik-)Wissenschaft und der Universität aktueller denn je - deshalb ist es erfreulich, dass die "Ordnung und Geschichte" nun endlich in einer deutschen Übersetzung erscheint.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.31 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Eric Voegelin: Ordnung und Geschichte. Band VII: München: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15928-ordnung-und-geschichte-band-vii_18216, veröffentlicht am 03.12.2007. Buch-Nr.: 18216 Rezension drucken
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