/ 05.06.2013
Heidrun Hesse
Ordnung und Kontingenz. Handlungstheorie versus Systemfunktionalismus
Freiburg i. Br./München: Verlag Karl Alber 1999 (Alber-Reihe praktische Philosophie 60); 288 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-495-47927-9Die Frage "Handlung oder System?" als Frage nach der theoretischen Grundlage der Sozialwissenschaft ist umstritten. Daß auch innerhalb dieser beiden "Paradigmen" so ziemlich alles umstritten ist, macht es nicht einfacher, den Gegenstand der Kontroverse auf den Punkt zu bringen. Genau darin besteht aber das Anliegen der Untersuchung von Hesse. Das bringt bereits der Titel zum Ausdruck. Systemtheoretiker, allen voran Niklas Luhmann (aber auch Talcott Parsons), haben stets ins Feld geführt, daß das Problem der Kontingenz und damit verbunden der – sozialen wie politischen – Ordnung von ihrer Theorie überzeugender gelöst wird als von der Handlungstheorie. Der Autorin gelingt es, gegen diesen Anspruch wichtige Gegenargumente anzuführen. Das gelingt ihr insbesondere deswegen, weil sie den Anspruch und die theoretischen Leistungen der Systemtheorie ernst nimmt und einen Blick hat für die theoretischen Verkürzungen, die den an der Zweckrationalität ausgerichteten Ansätzen der Handlungstheorie zugrunde liegen. Hesse zeigt, daß es sich hierbei um Verkürzungen handelt, die auf eine spezifische Tradition der neuzeitlichen Handlungstheorie zurückgehen, nicht aber notwendig mit einer handlungstheoretischen Konzeption einhergehen müssen. Diese These durch einen Rekurs auf die antike politische Philosophie zu belegen, die nicht nur einen Sinn, sondern auch das entsprechende begriffliche Instrumentarium für das Problem der Kontingenz entwickelte, macht den Wert dieser Arbeit aus. Sie ist ein schönes Beispiel, daß die Frage nach "Handlung oder System" eine Frage ist, über die es sich zu streiten lohnt, – und daß sie mit der Frage nach "Kaffee oder Tee?" nichts zu tun hat.
Inhaltsübersicht: I. Handlung und Zweckrationalität: 1. Max Webers Modell zweckrationalen Handelns; 2. Absicht und Unbestimmtheit; 3. Von der Zweck- zur Systemrationalität: Ein komplexeres Paradigma? II. Unverbindlichkeit der Zwecke: 4. Zwecke und Gründe; 5. Platons Vision der "Idee des Guten"; 6. Aristoteles' Konzept eudaimonischer Finalisierung; 7. Kontingente Glückseligkeit. III. Ordnung ohne Subjekt: 8. Jenseits von Zwecken und Mitteln; 9. Zwischen Einzelhandlung und Sozialem System; 10. Autopoietische Systeme; 11. Die Wirklichkeit sozialer Systeme.
Oliver Lembcke (OL)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Oliver Lembcke, Rezension zu: Heidrun Hesse: Ordnung und Kontingenz. Freiburg i. Br./München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8664-ordnung-und-kontingenz_11398, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11398
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Dr., Politikwissenschaftler.
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