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/ 21.06.2013
Frank Grüner

Patrioten und Kosmopoliten. Juden im Sowjetstaat 1941-1953

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2008; XV, 559 S.; geb., 66,90 €; ISBN 978-3-412-14606-1
Diss. phil. Heidelberg; Gutachter: H.-D. Löwe, U. Helfrich. – Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hatten sich die sowjetischen Juden fast vollständig an die Gesellschaft der Sowjetunion assimiliert, schreibt Grüner. Der größte Teil der rund drei Millionen sowjetischen Juden, insgesamt 1,8 Prozent der damaligen Sowjetbevölkerung, habe sich zu einer überdurchschnittlich gebildeten und städtisch-modernen Bevölkerungsgruppe entwickelt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges habe sich der Antisemitismus in der sowjetischen Bevölkerung wieder besonders verstärkt. Der Autor erklärt die neue Qualität des Antisemitismus anhand der besonderen historischen Situation in der Zeit von 1941 bis 1953. Seine These lautet: „Krieg, Holocaust und Antisemitismus [...] sind die entscheidenden Faktoren für das Entstehen einer kollektiven jüdischen Identität, welche ihrerseits entscheidend und nachhaltig auf die gegenseitigen Beziehungen von Juden und Sowjetstaat einwirkte und deren Verhältnis letztlich neu bestimmte.“ (5 f.) Die sowjetischen Juden betrachtet Grüner nicht als Objekt stalinistischer Herrschaftspolitik, sondern als eigene gesellschaftliche Kraft. Diese Interpretation ist neu. Ein Beispiel für das Erwachen des jüdischen Nationalbewusstseins war das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAK). Deren Mitglieder seien in den 40er-Jahren offizielle Repräsentanten des sowjetischen Judentums gewesen, die für ein positives Bild der Sowjetunion im Ausland gesorgt und Spenden für Stalins Kriegskasse eingetrieben hätten. Nach Kriegsende habe die Sowjetführung das JAK aber liquidiert. Die antijüdische Politik des stalinistischen Regimes, so der Autor, sei eine Reaktion auf die Herausbildung eines jüdischen Nationalbewusstseins gewesen. Die Sowjetführung habe dieses nationale Streben nicht akzeptieren wollen. Die sowjetischen Juden hätten sich plötzlich vor dem Scherbenhaufen ihrer gescheiterten Integration wiedergefunden. Sie seien vor die Wahl gestellt worden, sich entweder zu assimilieren oder für immer das Land zu verlassen.
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.622.232.254.12.312 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Frank Grüner: Patrioten und Kosmopoliten. Köln/Weimar/Wien: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27366-patrioten-und-kosmopoliten_32042, veröffentlicht am 16.06.2009. Buch-Nr.: 32042 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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