/ 05.06.2013
Stephan Körnig
Perspektivität und Unbestimmtheit in Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht. Eine vergleichende Studie zu Hegel, Nietzsche und Luhmann
Tübingen/Basel: Francke Verlag 1999 (Basler Studien zur Philosophie 9); VIII, 345 S.; 84,- DM; ISBN 3-7720-2078-XPhilosophische Diss. Basel; Gutachterin: A. Pieper. – Vergleiche zwischen Hegel und Nietzsche werden zuweilen angestellt, in der Regel jedoch, um die antipodische Stellung beider Philosophen hervorzuheben. Ein Vergleich Nietzsches mit Hegel und Luhmann dagegen, der den Anspruch erhebt, gemeinsame Strukturen im Denken dieser Philosophen nachzuweisen, mutet einigermaßen kurios an. Der Autor kündigt im Vorwort seiner Arbeit an, verdeutlichen zu wollen, "daß der Vergleich weniger erstaunlich ist, als der Umstand, daß er so selten gezogen wird" (2) – und dieses Versprechen löst er auf den folgenden Seiten in einer eigenwilligen und höchst spekulativen, stets aber plausibel begründeten und am Originaltext nachgewiesenen Nietzsche-Interpretation ein. Im ersten Teil "Das Selbst und seine Identität" (7-123) weist Körnig nach, daß Nietzsches Diagnose der eigenen Zeit mit Hegels Auffassung moderner Subjektivität insofern Übereinstimmungen aufweise, als beide Autoren auf den historischen Bildungsprozeß von Subjektivität rekurrieren. Während Hegel jedoch diesen Bildungsprozeß noch in seinem eigenen philosophischen System einfangen könne, sei bei Nietzsche eine ausgezeichnete Perspektive, eine einheitliche Weltinterpretation, nicht mehr auffindbar. Diesen Befund der Perspektivität aufnehmend, gelingt es dem Autor im zweiten Teil "Das Selbst als ein Spiel der Kräfte" (125-313), verblüffende Parallelen zwischen Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht und Luhmanns Systemtheorie, die Perspektivität als eine Grundbedingung sich selbst organisierender Systeme begreift, nachzuweisen. Indem er in Nietzsches Begrifflichkeit funktionale Äquivalente für systemtheoretische Kategorien aufspürt – Wille für Sinn, Nihilismus für Entropie, Perspektivität für Selbstreferentialität und den Willen zur Macht für basale Unruhe – gelingt ihm eine Reinterpretation der inkohärenten und Fragment gebliebenen Theorie vom Willen zur Macht. "Daß die Bezugnahme auf die Theorien der Selbstorganisation [neben der Systemtheorie bezieht sich Körnig auch auf die Kybernetik und die Chaostheorie] es gestattet, Nietzsches Willenslehre in einer Weise zu interpretieren, die in sich schlüssiger ist als der vom Autor selbst gewählte Bezugsrahmen" (312), zeigt nicht nur eine erstaunliche Verwandtschaft im Denken von Luhmann und Nietzsche – sie verweist ferner auf die Aktualität von Nietzsches Denken und könnte dazu beitragen, die landläufige Interpretation der nietzscheanischen Willenslehre als bloße Bejahung rücksichts- und schrankenloser Macht durch komplementäre Deutungsversuche zu ergänzen.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.33 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Stephan Körnig: Perspektivität und Unbestimmtheit in Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht. Tübingen/Basel: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7256-perspektivitaet-und-unbestimmtheit-in-nietzsches-lehre-vom-willen-zur-macht_9682, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9682
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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