/ 05.06.2013
Hagen Schulze
Phoenix Europa. Die Moderne. Von 1740 bis heute
Berlin: Siedler Verlag 1998 (Siedler Geschichte Europas); 543 S.; Ln., 148,- DM; ISBN 3-88680-393-7Über 500 großformatige Seiten bieten eine Menge Platz, aber wenn man 250 Jahre in der Geschichte eines Kontinents auf ihnen darstellen will, können auch sie knapp werden. Da Vollständigkeit unmöglich ist, müssen Leitfragen und Klarheit der Darstellung an ihre Stelle treten. So auch in diesem als erstem erschienenen Abschlußband einer auf vier Bände geplanten Geschichte Europas. Der Berliner Historiker Schulze ist sich dieser Problematik natürlich bewußt; sie spricht bereits aus dem Einleitungssatz des Vorworts: "Dies ist eine von vielen möglichen europäischen Geschichten." (9) Der Autor konzentriert sich daher auf zwei miteinander verwobene Perspektiven: zum einen verfolgt er die Stabilität des europäischen Staatensystems, in dessen Existenz, Veränderung und Bewahrung über die Jahrhunderte er einen der zentralen Unterschiede Europas zum Rest der Welt sieht. Getragen und gewandelt wird die an den Staaten orientierte Politik durch die zweite Perspektive, die der politischen Kultur, worunter Schulze die geistigen Kräfte faßt, die seit dem 18. Jahrhundert in immer rasanterem Tempo für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Neuerungen gesorgt haben. "Europa" gilt ihm mithin als geistig-kulturelle, weniger als geographische Einheit, woraus Schulze die Berechtigung ableitet, Rußland und andere nicht-lateinische Staaten nur insoweit in seine Betrachtungen einzubeziehen, als sie auf den "Westen" einwirkten. Der schwergewichtige Band ist, wie der Klappentext berechtigt vermerkt, "mit erzählerischer Leichtigkeit und gedanklicher Klarheit" geschrieben. Er ist umfassend illustriert, ohne daß die (auch farbige) Bebilderung vom Text ablenken würde. Anmerkungen sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Zu bedauern ist, daß kein statistischer oder tabellarischer Anhang beigegeben wurde, wie es bei der älteren Propyläen Geschichte Europas der Fall war. Das Buch und seine drei noch zur Publikation zu bringenden Komplementärbände wird Bildungsbürgern für ihren coffee table ebenso dienen wie dem wissenschaftlichen Leser, der eine rasche und überblicksartige Information sucht und dem es mehr um interpretatorische Zusammenhänge als um Einzelheiten zu tun ist.
Inhaltsübersicht: Alte und neue Welt: Alte Welt; Neue Welt. Der Flug des Phoenix: Gleichgewicht und Aufruhr (1740-1792); Die Revolution heißt Napoleon (1792-1815); Europäisches Konzert (1815-1871); Nationen und Reiche (1871-1914); Marsch in den Abgrund (1914-1939); Ein Kontinent brennt aus (1939-1949); Phoenix aus der Asche (1949-1990); Das neue Europa ist das alte Europa.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 1.1 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Hagen Schulze: Phoenix Europa. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7399-phoenix-europa_9846, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9846
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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