/ 25.09.2014
Hans-Peter Müller
Pierre Bourdieu. Eine systematische Einführung
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2110); 372 S.; 18,- €; ISBN 978-3-518-29710-0„Wer Bourdieu gelesen hat, wird die Gesellschaft mit anderen Augen sehen“ (9), schreibt Hans‑Peter Müller, Professor für Allgemeine Soziologie an der HU Berlin, über das nach wie vor hochaktuelle Werk des 2002 verstorbenen französischen Soziologen. Nach einem kurzen Überblick der wichtigsten Lebensstationen Bourdieus gibt Müller eine kohärente Einführung in dessen Gesellschaftstheorie und die zentralen Begrifflichkeiten. Ausführlich dargestellt wird dabei die Entstehung der Bourdieu‘schen Denktradition, die für den weiteren Verlauf und zum Verständnis des Werkes wichtig ist. Deutlich wird dies bei der Erläuterung der empirischen Studien Bourdieus, wobei Müller ausführlich auf die real‑ und gesellschaftspolitischen Bedeutungen eingeht. Berücksichtigt werden im Bereich der sozialen Ungleichheitsforschung die „Reproduktionsthese“ beziehungsweise die „Illusion der Chancengleichheit“ (141). Den im Werk „Die feinen Unterschiede“ unternommenen Versuch, den von Marx modifizierten Klassenbegriff mit dem Konzept der Lebensstile zu verbinden, kritisiert Müller sehr grundlegend in Bezug auf die Definition der Begriffe. Bourdieus empirischer Nachweis der Ökonomisierung im kulturellen Feld in „Die Regeln der Kunst“ wird dann ebenso vorgestellt wie das daraus resultierende politische Engagement gegen das Umgreifen des Neoliberalismus sowie die Erweiterung ökonomischer Theorien und Kapitaldefinitionen durch die soziale und symbolische Dimension. Müllers Darstellung des politischen Feldes ist besonders mit Blick auf die Bedeutung der Soziologie von großer Bedeutung. Bourdieus genuin soziologischer Ansatz, die „Politik neu zu denken“ (286), und die Auswirkungen auf das Verständnis der Demokratie in Form der Ideologiekritik, Sozialkritik, feministischen Kritik, Medienkritik und letztendlich der Kritik am Neoliberalismus (in „Gegenfeuer“) stehen dabei im Mittelpunkt. Die Gefahr für die Moderne sieht Bourdieu in dem Prozess „wo Staat war, soll Markt werden, wo Öffentlichkeit regierte, soll Privatheit herrschen, wo politisch und demokratisch abgestimmt wurde, soll ökonomisch und autokratisch entschieden werden von den Reichen und Mächtigen dieser Welt“ (287). An dieser Stelle wäre ein Rückgriff auf den Habitus‑Begriff, wenn auch in all seinen theoretischen Facetten dargestellt und im empirischen Teil durchaus vertreten, wünschenswert gewesen, um die Ergebnisse aus den empirischen Studien auf dessen Merkmale zurückzuführen. Jedoch bleibt dies das einzige Manko in diesem sehr bemerkenswerten Buch über das Werk Pierre Bourdieus.
Christian Heuser (CHE)
Student der Politikwissenschaft und Soziologie, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 Empfohlene Zitierweise: Christian Heuser, Rezension zu: Hans-Peter Müller: Pierre Bourdieu. Frankfurt a. M.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37595-pierre-bourdieu_46026, veröffentlicht am 25.09.2014. Buch-Nr.: 46026 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenStudent der Politikwissenschaft und Soziologie, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
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