Skip to main content
/ 05.06.2013
Wolfgang Kersting

Platons "Staat"

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1999 (Werkinterpretationen); X, 341 S.; kart., 58,- DM; ISBN 3-534-13341-2
Wie aktuell Platon nach wie vor ist, sieht man am besten an der Irritation, die er bei seinen Kritikern noch immer auszulösen vermag; ein aktuelles Beispiel dafür liefert der "Politeia"-Kommentar von Kersting. Mit einer Vehemenz, die man bei einem inhaltlich überkommenen, von der Neuzeit gründlich überholten Werk eigentlich gar nicht aufbieten müßte, werden hier die vermeintlichen platonischen Unzulänglichkeiten, Widersprüche und Zumutungen aufgelistet - dies alles vom vorher festgelegten Standpunkt aus. Für "uns Kantianer" (8) ist der platonische Zusammenfall von Gerechtigkeit und Glück höchst befremdlich; "uns Nominalisten" ist der Status der platonischen Idee, nicht zuletzt wegen der "Ungenauigkeit und Lückenhaftigkeit" (195) der diesbezüglichen Äußerungen Platons, kaum nachvollziehbar; mit "unsere[n] liberal-demokratischen Überzeugungen" ist Platons "Tugendelitismus" (189) schlechterdings unvereinbar. Für wen also schreibt der Autor? Nur für den, der seine Überzeugungen teilt? Kann z. B. der Nietzscheaner das Buch guten Gewissens ungelesen beiseite legen, da er ja nicht gemeint ist? Doch das Problem des von Kersting gewählten Ansatzes berührt nicht nur den Adressaten, sondern vor allem auch die Interpretation. Geradezu erstaunt stellt der Autor immer wieder fest, wie sehr sich die platonische von der kantischen Philosophie unterscheidet - ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, sich zu fragen, ob man Platon von Kant her überhaupt angemessen erfassen kann. Die Überlegenheit des einen Standpunkts gegenüber dem anderen ist immer schon unterstellt und damit gerade das vollständig ignoriert, worum Platons Denken einzig und allein kreist: die Überprüfung der Prämissen, von denen wissenschaftliches Denken genau wie der Alltagsverstand immer schon ausgeht. Bereits ganz zu Beginn seines Kommentars macht Kersting deutlich, welcher Zugang zum Text ihm der gemäße erscheint: Weil er glaubt, im Gegensatz zum Monolog werde der "Leser eines Dialogs [...] nicht angesprochen" (13), sondern könne das Dialoggeschehen von außen betrachten, fühlt er sich von der dialogischen Wissensprüfung in der "Politeia" auch nicht betroffen. So kann er von außen, um nicht zu sagen von oben herab, über das Dargebotene urteilen und Platon allerlei sophistischer Tricks, logischer Inkonsistenzen und inhaltlicher Ungeheuerlichkeiten bezichtigen. Was aber, wenn sich manch scheinbare Ungereimtheit auflöste, wenn sich als ihr Ursprung das Auge des Betrachters ausmachen ließe? Die Tricks und Kniffe, deren Anwendung Kersting Platon beispielsweise im Gespräch mit Thrasymachos unterstellt, erweisen sich nämlich als etwas ganz anderes, sofern man die sokratische Blickrichtung zur Kenntnis nimmt: Es sind die Vorgaben des anderen, deren Widersprüchlichkeit in der sokratischen Argumentation aufscheinen. Und daß es sich in der Präsentation der Figur des Thrasymachos um ein grelles und flaches "Sophisten-Comic" (29) handle, weil "kein sich im öffentlichen Raum bewegender Intellektueller" so rede, ist ein begründungsbedürftiges Urteil. Erstens setzt es eine Kenntnis der dargestellten Person voraus, deren Herkunft man gerne erführe; zweitens ist es empirisch fragwürdig, wie jeder Besuch eines Fachkongresses belegt; drittens verkennt es das Gewicht der in Thrasymachos bekämpften Position. Das Recht des Stärkeren zu propagieren und dies als normativ für die Schwächeren zu verstehen, ist nicht "sinnlos" und einfach mit dem Hinweis zu erledigen, daß es "allen intuitiven Gerechtigkeitsvorstellungen" (30) widerspräche. Wogegen Platon hier antritt, ist im Kern das, was von Nietzsche philosophisch begründet und von Hitler praktisch umgesetzt wurde. Was Kerstings gesamte Darstellung leitmotivisch durchzieht, ist die Feststellung platonischer Zwiespältigkeit. Leib und Seele, "Ideenwissen" (201) und praktisch-politische Kompetenz, sinnliche Wahrnehmung und philosophische Dialektik - all diese Dualismen bleiben in Kerstings Augen unversöhnt. Werden hier alte Schlachten noch einmal geschlagen? Für die angeführten Belegstellen (Leib-Seele Problematik: "Phaidon"; Ideenstatus: "Parmenides"; Verhältnis Theorie-Praxis: die "Politeia" selbst) gibt es längst andere Deutungen, die Kersting aber, wie die meiste Platonliteratur, unberücksichtigt läßt. Doch schon der Text selbst eröffnet den Zusammenhang, den der Autor so beredt vermißt. Der Erkenntnisaufstieg im 6. und 7. Buch verdeutlicht ebenso wie der Erziehungsgang des Philosophen, wie unbedingt Erkenntnis auf Wahrnehmung, Geistigkeit auf Sinnlichkeit angewiesen ist; und das erste Buch der Politeia, dessen Zusammenhang mit den restlichen Büchern Kersting mit keinem Wort klärt, führt vor, wie man sich die philosophische Dialektik vorzustellen hat - eben nicht als "Ideenwissen" (201), das sich "im Besitz" (239) der allem Weltlichen entrückten Philosophen befände. So wie Platon erkenntnis-theoretisch und damit auch politisch-praktisch den Weg von unten hinauf zu beschreiten empfiehlt, sollte es vielleicht auch der Platon-Leser halten. Ein "Platon von oben herab" führt möglicherweise haarscharf am Ziel vorbei.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.31 Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Wolfgang Kersting: Platons "Staat" Darmstadt: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8258-platons-staat_10889, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10889 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA