/ 18.06.2013
Kai Arzheimer
Politikverdrossenheit. Bedeutung, Verwendung und empirische Relevanz eines politikwissenschaftlichen Begriffs
Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002; 355 S.; brosch., 34,90 €; ISBN 3-531-13797-2Sozialwiss. Diss. Mainz; Gutachter: J. W. Falter, U. Druwe. - Wo in manchen Organen der Publizistik von Politik die Rede ist, ist die Politikverdrossenheit nicht weit. Die wachsende Popularität des Begriffs im öffentlichen Sprachgebrauch hat seit etlichen Jahren auch die Politikwissenschaft auf den Plan gerufen und zu seiner mitunter inflationär anmutenden Verwendung geführt. Diese Dissertation setzt sich kritisch mit Konzept, Inhalten und empirischer Aussagekraft des Begriffs Politikverdrossenheit auseinander - und gelangt zu einem geradezu vernichtenden Urteil. Schon wegen des gänzlich inkonsistenten Gebrauchs und seiner wechselnden Inhalte und Referenzen fehle dem Begriff die wissenschaftliche Tauglichkeit. Etablierte Konzepte aus der politischen Einstellungs- und Kulturforschung (z. B. Parteiidentifikation, politische Unzufriedenheit und support) seien ihm weit überlegen. Arzheimers Kritik richtet sich darüber hinaus auch gegen einige Kernaussagen der empirischen Politikverdrossenheitsforschung. Auf der Basis von zwei Querschnittsbefragungen aus den Jahren 1994 und 1998 gelangt er zunächst zu dem Ergebnis, dass die unter dem Begriff subsumierten Einstellungen keineswegs in einem starken statistischen Zusammenhang stehen, von einem Syndrom der Politikverdrossenheit also nicht gesprochen werden kann. Zudem lässt sich aufzeigen, dass die entsprechenden Orientierungen erheblich von tagespolitischen Entwicklungen bestimmt werden und insoweit eine nur geringe Stabilität aufweisen. Schließlich ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die negativen Einstellungen gegenüber Politik, Politikern und politischem Prozess in Deutschland verbreiteter sind als in anderen Mitgliedstaaten der Europäschen Union. Auch wenn mitnichten ein Paradigmenwechsel zu erwarten ist, dürfte zumindest mancher (Sozial-)Wissenschaftler nach der Lektüre dieser Arbeit sorgfältiger mit dem Begriff der Politikverdrossenheit umgehen.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.35 | 1.2
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Kai Arzheimer: Politikverdrossenheit. Wiesbaden: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17767-politikverdrossenheit_20484, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20484
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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